1990
Übersicht: Veröffentlichungen in diesem Jahr waren die Single Enjoy The Silence / Memphisto / Sibeling, das Album Violator, die weiteren Single-Auskopplungen Policy Of Truth / Kaleid und World In My Eyes / Happiest Girl / Sea Of Sin sowie die Video-Kollektion Strange Too.
Am 05.02. erschien die Single Enjoy The Silence / Memphisto /
Sibeling. Sie wurde zur erfolgreichsten Single überhaupt, erreichte
Platz 6 in den britischen Charts, Platz 8 in den USA und brachte der Band
in den USA und in Deutschland Gold ein. Außerdem gewannen sie damit bei den
Brit Awards 1991.
Enjoy The Silence war eigentlich eine Ballade, ehe Alan die
Idee hatte, sie schneller zu machen, mehr Beat darunter zu legen:
"Als ich das Demo zu Enjoy The Silence hörte, war das
Erste, was mir dazu einfiel, dass Neil Tennant es singen könnte. Etwas
an der Zeile All I ever wanted klang sehr nach Hamster ... äh ...
Pet Shop für mich. Martins Demos beinhalteten immer die kompletten Texte,
variierten musikalisch aber von sehr detailliert bis hin zu sehr simpel. Bei diesem
Song hatte ich das Gefühl, dass es aufgrund des großen kommerziellen Potentials
geradezu kriminell gewesen wäre, ihn als Ballade aufnehmen. Er hatte eine gute
Melodie, die danach schrie, die Behandlung zu erfahren, die sie dann auch
erhielt. Flood und ich arbeiteten das Grundgerüst aus, bevor wir Martin dazu
riefen, um die Gitarrenriffe hinzu zu fügen."[1]
Martin: "Ich dachte, dass die Natur des Songs, weißt du, eben genieße
die Stille war. Daher sollte er eine ruhige Atmosphäre ausstrahlen. Es dauerte
eine Weile, ehe ich mich an die neue Idee gewöhnt hatte, aber als wir weiter
daran arbeiteten und den Gitarrenriff hinzufügten, passte es für mich."[2]
David: "Ich weiß noch, wie er da saß und spielte, und dann kam er mit
diesem Riff, und dann sang ich den Song, und alle waren überrascht, dass
ich es so gut sang - einschließlich mir selbst." (lacht)
Fletch: "Es war das erste Mal in unserer gesamten Karriere, dass wir
dachten, wir hätten einen Hit geschrieben. Wir wussten es von Anfang an."[3]
Ähnliches kann man über das Video sagen, obwohl DM Corbijns Konzept zunächst
überhaupt nicht mochten. Besonders David war skeptisch, und die Band fragte
Corbijn sogar, ein anderes Konzept zu entwickeln. Aber später änderte nicht
nur David seine Meinung:
"Enjoy The Silence war Antons [Corbijn] bestes Video."
Fletch: "Wir gingen ins Studio, und Anton sagte, es würde eine
Weile dauern. Und nach einer Stunde sagte er, wir könnten gehen ...
und der arme Dave musste sechs Tage damit verbringen, bei eiskalten
Bedingungen zu filmen."
David: "Wir haben eine Woche gebraucht, um das zu filmen. Es war
ziemlich harte Arbeit, aber es hat auch Spaß gemacht. Ich wurde
als König angezogen, mit Krone und allem. Wir waren dann in
Portugal, in Schottland, in den französischen Alpen ...
hauptsächlich Anton, Richard, der Produzent, und ich. Es gibt
aber Szenen in dem Video, die nicht mich zeigen. Gegen Ende
hatte ich es satt, ich wollte nur zurück ins Hotel. Wir hatten
diesen Helikopter genommen und waren auf diesen Berg geflogen,
und Anton wollte, dass ich diese Szene drehe, bei der ich weit,
weit weg bin, und da war diese schöne Landschaft und all der
Schnee, und mir war so kalt. Und so sagte ich: Weißt du was,
Richard?, ich nahm die Krone ab, ich setzte sie auf seinen Kopf,
ich nahm die Robe ab, ich zog sie ihm an, ich sagte: Jetzt machst
du das. Und ich ging zum Helikopter, flog runter ins Hotel und
trank eine Tasse Kakao."[4]
(Enjoy The Silence - mit freundlicher Genehmigung von © Ingo B.)
Zu dieser Zeit erlebte die Band etwas, das sie so vorher nicht gekannt hatten,
zumindest nicht in diesem Ausmaß: hip sein.
Am 01.03. gaben David und Alan ein Interview bei einem Radiosender
in Madrid. Als sie zum Auto zurückkamen, wurden sie von rund 500
Fans empfangen. Der Fahrer wollte eilig eine Abkürzung nehmen,
wurde aber von einem LKW aufgehalten, der die Straße blockierte,
sodass die Fans das Auto einholen konnten, und es umringten.
Am 19.03. wurde das Album Violator veröffentlicht, das zum
kommerziell erfolgreichsten der Band wurde. Einen Tag später
erschienen DM bei Wherehouse Records, einem großen
Plattenladen in L.A., um Violator zu signieren. Berichten zufolge
sollen rund 5.000 Fans schon vier Tage davor rund um den Laden
kampiert haben. Zum Signiertermin kamen dann etwa 20.000 Leute. Der
Verkehr brach zusammen, die Polizei versuchte, die Lage unter
Kontrolle zu bringen, gaben nach 90 Minuten jedoch auf und
brachen die Aktion ab, eskortierten DM zu ihrem Hotel zurück,
um Schlimmeres zu verhindern. Dennoch soll es etliche Zwischenfälle
und sogar Verletzte gegeben haben.
David: "Das war ziemlich beängstigend. Das Ganze geriet außer
Kontrolle. Wir konnten nicht wissen, dass da so viele Leute
auftauchen würden. Die haben da diese riesigen Glasfenster,
und die Fans drückten gegen die Fenster. Man konnte fühlen, wie
die Spannung stieg. Wir sahen uns an und sagten: Wir müssen hier
raus!"
Martin: "Irgendwann geriet es so außer Kontrolle, dass die Polizei
uns sagte, wir sollten abbrechen. Also kehrten wir ins Hotel zurück,
schalteten den Fernseher ein, und wir waren überall in den Nachrichten."[5]
David: "Wir saßen alle davor und zappten uns durch die Nachrichtenkanäle,
und es kam: 'die englische Rockband Dee-Pesh Mode verursachte ein
Verkehrschaos'." (lacht) "Es war lustig, sich das anzusehen."[6]
Ironischerweise stellte dieser Zwischenfall jedoch den endgültigen Durchbruch
in den USA dar, da DM nun von einer breiteren Öffentlichkeit wahrgenommen
wurden.
Übrigens - wusstest du, dass Violator nicht nur das erfolgreichste Album
ist, sondern auch an der Spitze der Lieblingsalben in nahezu allen Umfragen
auf zahlreichen Fan-Foren und –Webseiten steht? Acht verschiedene Umfragen
zusammengenommen ergab, dass Violator einsam an der Spitze steht, vor
SOFAD, Music For The Masses, Black Celebration und Ultra. Dies
ist die Top 5. A Broken Frame steht auf dem letzten Platz. (Einige dieser
Umfragen wurden übrigens vor der Veröffentlichung von SOTU durchgeführt,
aber alle beinhalten Playing The Angel.)

Martin: "Ich schreibe nur über Dinge, die mich berühren. Ich finde es
langweilig, Songs zu schreiben, die 'sicher' sind, die nirgendwo hinführen,
in denen nichts
passiert. Ich weiß, Clean hat so ein Heiligen-Image, das sich mit
dem Sex-Thema verbindet. Dies sind zwei Dinge, die ich gern miteinander
verbinde.[7] Ich war nie ein
Christ, aber ich bin zwei Jahre lange regelmäßig in die Kirche gegangen,
was sicherlich auf mich abgefärbt hat. Ich bin nahezu besessen von der
Idee des Guten und des Bösen. Ich nehme an, dass meine Songs die
Unsittlichkeit befürworten, aber da ist auch immer ein wenig Schuld dabei.
In Halo sage ich 'lass uns dem nachgeben', aber es gibt auch ein
Gefühl dafür, dass es falsch ist. Dann ist da Blue Dress - das ist
der perverse Song! - die Idee, einem Mädchen dabei zu zuschauen, wie es
sich anzieht, und dabei zu realisieren, dass es das ist, was
makes the world turn. World In My Eyes besagt, dass in diesem Moment
nur Freude und Erfüllung zählen. Es ist ein positiver Song. Es macht mir
nichts aus, wenn man hier auch Existenzialismus ins Spiel bringt, denn ich
werde davon beeinflusst. Ich werde vermutlich von Camus, Kafka und Brecht
ebenso beeinflusst, wie ich von Popsongs beeinflusst werde.[8]
Vielleicht hätten wir uns als Rockgruppe bezeichnen sollen.
Wenn wir das getan hätten, hätten uns die Leute vielleicht
ernster genommen. Aber wir sind das nicht. Wir sind eine Popgruppe
und stolz darauf. Die einzigen Songs, die ich schreiben kann, sind
Popsongs, egal, wie düster und seltsam manche Leute sie finden
mögen. Wir haben das Album aus Spaß Violator genannt. Wir wollten
mit dem extremsten, lächerlichsten Heavy-Metal-Titel rauskommen,
der möglich war. Mal sehen, ob die Leute den Scherz verstehen
werden. Als wir das Album Music For The Masses nannten, wurden
wir beschuldigt, arrogant und überheblich zu sein. Es war nur
ein Scherz in Bezug auf die Unkommerzialität. Es war alles, aber
nicht Musik für die Massen!"
(Die Querverbindungen zwischen DM und Metal sind definitiv lustig. Während
Martin seinen Spaß daran hatte, gleich drei DM-Alben (Violator, Ultra und
Exciter) "metallische" Namen zu geben (man findet alle drei in vielfacher
Ausfertigung im Metal wieder, sei es als Band- oder Albumname), gibt es auf der
anderen Seite auch viele DM-Songtitel bei Metalbands. Um nur eins von vielen
Beispielen zu nennen: 1991 nahmen Massacra ein Album mit dem Titel
Enjoy The Violence auf. Auch gibt es ein Metal-Tribut-Album mit vielen
interessanten Versionen, und wenn man sich mit "Metalheads" unterhält, wird man
feststellen, dass es darunter viele gibt, die DM mögen, "weil sie Substanz haben".)
Alan: "Wir haben sehr viel mehr Humor, als man uns nachsagt.
Vielleicht ist unserer oder Martins nur sehr speziell. Es ist
keine schlechte Sache, ab und zu düster zu sein. Radio 1 wollte
uns teilweise nicht spielen, aber sie werden dazu gezwungen,
weil die Leute uns hören wollen. Es ist gut, dass es ein paar
Bands gibt wie uns, die einen Konterpunkt zu all dem
lustig-lustig-Party-Kylie setzen."[9]
David: "Trotzdem mögen uns die Leute. Es hängt von den Songs ab, und die Mühe, die wir uns mit ihnen geben. Wir sind nie auf einen Zug aufgesprungen und haben einen Trend mitgemacht. Wir wollten nie für fünf Minuten groß sein und das war es dann. Wir haben uns verändert, und die Veränderung ist natürlich. Wir machen genau das, was wir wollen und wie wir es wollen. Wir lernen immer noch, versuchen, uns zu verbessern, im Gegensatz zu so vielen anderen Bands. Wir leben in unserer eigenen kleinen Welt.[10] Heutzutage ist Pop und Rock viel kontrollierter und normaler. Es ist traurig. Ich denke, das Musikbusiness ist daran selbst schuld, weil die Bands so manipuliert werden. Die Art, wie das Management die Bands verkauft. Ja, es ist traurig, dass es keine Rebellion mehr im Pop gibt. Das ist das, was mich früher an Bands interessierte wie Sham 69, The Clash und so. Das ist es nämlich, warum ich in einer Band sein wollte. Für mich war das die aufregendste Zeit meines Lebens. Zu der Zeit interessierte mich nichts anderes. Ich machte dieses klassische Ding - die Schule sausen lassen, mich nicht um die Examen kümmern. Nun schaue ich zurück, und wünschte, ich hätte es. Ich wünschte, ich hätte eine bessere Ausbildung. Hätte ein paar Sprachen gelernt. Wenn ich nach Frankreich, Italien oder Deutschland komme, realisiere ich, wie dumm ich bin. Ein dummer Engländer, der keine andere Sprache gelernt hat. Ein ignoranter Bastard."[11]
Dies alles klang in der Tat sehr viel ernsthafter als in den
früheren Jahren, aber ein paar Highlights gab es dennoch und
ab und an auch einen Rückfall in frühere Themen. Manchmal war
die Band daran selbst schuld.
So betrat Alan in Florida
eine Hotelbar, in der sie zu einem Interview verabredet waren
und äußerte umgehend: "Ich wurde heute so etwa zwanzigmal als
Schwuler beschimpft. Meistens Typen, die sich aus einem LKW
lehnen. Die Leute sind hier ein bisschen zurück, wie?"
David: "Es ist der Haarschnitt. In den USA denken die Leute,
du bist homosexuell, wenn du kurze Haare hast. Außer du bist
bei den Marines. Wir müssen nur mit den Marines rumhängen."[12]
Später schickte David den Bodyguard
nach einem Orangensaft. Dies nutzte ein Fan, um sich um zu nähern:
"Martin, kann ich ein Autogramm haben? Hast du einen Stift?"
"Sicher", erwiderte David lächelnd, "aber mein Name ist Dave."
Wenig später wiederholte sich die Szene mit einem anderen Fan:
"Martin, kann ich dein Autogramm haben?"
David (rollte mit den Augen, offensichtlich genervt): "Erstens
ist mein Name Dave und zweitens habe ich keinen Stift!"[13]
(mit freundlicher Genehmigung von © Adrianna
- Das Bild wurde von ihr gemalt und von Dave signiert)
Am 07.05. erschien die Single Policy Of Truth / Kaleid.
Die Worldviolation-Tour fiel im Vergleich zur Masses-Tour kürzer aus
und splittete sich in drei Teile auf. Um den vermehrten Erfolg in den USA
zu nutzen, begann man
am 28.05. mit dem USA-Leg und spielte dort bis zum 05.08.
42 Konzerte.
Bis auf den heutigen Tag wünschen sich viele Fans, es würde eine DVD zur
Worldviolation geben. Zu den Gründen, warum damals keine DVD veröffentlicht
wurde, sagte Alan: "Es wäre zu viel gewesen, nach 101 noch eine
Live-LP zu veröffentlichen. Es kam uns so vor, als würden wir die Kuh damit zu
sehr melken. World Violation war einfach zu dicht nach Music For
The Masses. Die 101 LP
und der Film schienen DM live recht gut darzustellen, und wir fanden, dass es an
der Zeit war, den Live-Veröffentlichungen eine Pause zu geben. Ich bin sicher,
dass es einige Aufnahmen von der Worldviolation gibt, aber ich weiß nicht,
ob sie jemals veröffentlicht werden."[14]
Laut Insideraussagen sollen alle Bandmitglieder auf der Worldviolation
Ecstasy konsumiert haben. Während David es öffentlich zugegeben hat, ist
es bei den anderen zwar offensichtlich, aber nicht eindeutig. Jonathan
Miller fährt in seiner Biographie mit einem Zitat von Martin auf, in dem dieser
zugibt, Ecstasy genommen zu haben, während er zugleich Fletch zitiert, der dies
abstreitet, der aber laut der Biographie von Malins ebenfalls "kräftig zugelangt"
haben soll.
Interviews und andere Aussagen der Bandmitglieder - mit Ausnahme von David
- sind in Bezug auf dieses Thema immer recht vage.
Alan: "Martin wird sehr anlehnungsbedürftig, wenn er einen in der
Krone hat. Er sammelt Wildfremde um sich und erzählt ihnen seine
Lebensgeschichte, aber anders als Dave hat er bei seinen Exzessen
nie ein Trümmerfeld hinterlassen. Vielleicht muss Dave Ärger
machen, um sich selbst zu erniedrigen. Martin bleibt cool und
vieles kommt nie ans Licht. Um ehrlich zu sein, war der Alkohol
schlimmer als alles andere, aber während der Violator-Zeit spielten
Drogen eine große Rolle: Ecstasy, Kokain - alles außer Heroin.
Dann fing Dave mit Heroin an, während der Tour. Ich glaube,
es muss an seiner Persönlichkeit liegen. Er braucht einfach das
ultimativ Extreme."[15]
Martin: "Um ehrlich zu sein, mag ich es nicht, über Drogen zu reden.
In Interviews fühle ich mich mit diesem Thema nicht wohl. Wir hatten ein paar
wilde Partys. Ich entdeckte sie 1988, bevor ich anfing, Violator zu
schreiben ..."
Fletch: "Ich glaube, die Antwort ist vielleicht ja."[16]
Martin: "Jeder macht wohl Erfahrungen mit Drogen, wenn etwas gut
läuft und man sich am nächsten Tag entspannen kann. Aber für mich hielt das
nicht lang an. Ich war danach immer wochenlang depressiv."[17]
Somit ist die Antwort - vielleicht! - ja. ;)
Weiterhin wurden laut Insidern jede Menge Groupies vernascht - sowohl während
der Worldviolation, als auch später bei der Devotional - aber auch hier
war es nur David, der später offen bekannte, oft fremd gegangen zu sein. Bei
den anderen wird es mit "ich hatte meinen Spaß" angedeutet und es gibt
ein Interview, bei dem sich eine "Dame" im Termin geirrt hat und in Martins
Hotelzimmer erscheint.
In Interviews mit anderen Musikern schimmert durch, dass es in den 80ern und
Anfang der 90er ziemlich einfach war, so viele Groupies zu vernaschen wie man
nur wollte. Einer sagte gegenüber depechemodebiographie.de: "In den 80ern und
90ern war es viel einfacher, Groupies ins Bett zu bekommen. Heute ist das
viel schwieriger geworden. Das liegt nicht so sehr an den Mädchen, aber
alles ist irgendwie distanzierter. Man wird auch mehr beobachtet. Wenn du
ein Groupie mit ins Hotel nimmst, steht das am nächsten Tag garantiert in
irgendeinem Sch***-Forum."
Dass es keine Mädchen gab, die ihre Geschichten in Boulevardmagazinen
verkauften, erstaunt die Fangemeinde nur wenig. 41 Prozent meinen, dass DM
"nicht Mainstream genug wären, um ein generelles Interesse zu erzeugen", sodass
die "Yellowpress an solchen Geschichten wohl auch nicht interessiert" gewesen
wäre.

Wie dem auch sei, ihr Lebensstil wurde in jedem Fall immer ausschweifender,
und David war nun nicht mehr immer so entspannt. Bei den Partys verlor er mehr
und mehr die Kontrolle und schlug immer häufiger über die Stränge.
Fletch: "Ich denke, er hatte das Gefühl, das Einzige, was er
richtig konnte, war die Bühnenshow. Er war sehr emotional.
Ich persönlich neigte dazu, ihm aus dem Weg zu gehen."[18]
1990 versuchte David noch, sich diesbezüglich sehr diplomatisch
auszudrücken, redete viel um den heißen Brei herum:
"Unser Lebensstil hat seine Höhen und Tiefen, und es ist
manchmal ein Kampf, die Dinge zusammen zu halten, weil ich so
viel weg bin. Es ist ein massiver Druck, zu versuchen, eine Familie
aufrechtzuerhalten und zur gleichen Zeit monatelange Tourneen zu
machen. Ich möchte definitiv mehr Kinder, aber im Moment ist es
wirklich schwierig. Als Jack geboren wurde, war ich in seinen
ersten drei Wochen bei ihm, und dann war ich weg auf Tournee für
den Rest des Jahres. Es ist ein schizophrenes Leben und es verursacht Streit,
aber ich liebe beide Teile meines Lebens so sehr, dass ich weitermache.
Es wäre eine Lüge, zu sagen, wir wären den Verlockungen des
Popstarlebens nicht erlegen. Ich denke, wir haben alles
ausprobiert. Man kann von Dingen beeinflusst werden, natürlich,
wie Drogen oder Mädchen. Sie können deine Beziehung, Ehe,
angreifen. Ich bin da selbst durch, und ich sah, ich würde die
Dinge verlieren, die besonders sind für mich. Ich erkannte, wie
oberflächlich diese on-the-road Attraktionen wirklich sind. Ich
rede hier von eigenen Erfahrungen, aber ich will das nicht
vertiefen. [19]
Man geht durch die Extremen - macht Blödsinn, Exzesse mit Alkohol und so -
und man kommt viel weiser raus. Ich bin jetzt ein
Familienmann. Ich mag es, nach Hause zurückzukehren und Zeit mit
meiner Frau und meinem kleinen Jungen verbringen, Alltagsdinge zu
machen, wie jeder andere auch.[20]"
Zu dieser Zeit war David noch damit beschäftigt, seine Ehe zu retten.
Als es nichts mehr zu retten gab, hörte sich das ganz anders an:
"Ich bin fremd gegangen. Oft. Man macht sich selbst blind
dafür und macht damit weiter. Es ist toll, so viele verschiedene
Mädchen zu treffen und Spaß zu haben, aber dann realisiert man,
wie sch*** man ist und wie das Leben anderer damit zerstört wird.
Und es hat sich über die Jahre
aufgebaut. Ich denke ... Nun, ich weiß, nun ... Ich denke,
ich weiß ... dass meine Frau, meine Ex-Frau, mir vertraut hat.
Und ich ging zurück zu ihr und ... ich habe nicht gelogen, weil
Joanne mich nicht fragte. Ich bin sicher, sie hat es vermutet.
Sie ist nicht dumm.[21]
Ich fühlte mich gefangen von allem, was um mich herum war.
Violator war ein riesiger Erfolg - und
ich hätte glücklich sein müssen, aber ich war es nicht. Ich hatte
alles, was ich wollte, aber ich fühlte mich verloren. Ich fühlte
mich, als würde ich mich selbst nicht mehr kennen. Ich fühlte mich
besch***, weil ich meine Frau andauernd betrog.[22] Ich fühlte mich
sehr gelangweilt und sehr sicher. Ich fühlte mich in England sehr
sicher, und ich mochte es nicht. Ich war da mit einer liebenden,
sorgenden Ehefrau, einem Baby, einem großen Haus auf dem Land,
ein paar Autos und es fühlte sich nicht richtig an."[23]
Obendrein meinte er, sich in Theresa verliebt zu haben.
David: "Das war wie ein Hammerschlag. Man sieht sich selbst im
Spiegel an und plötzlich ist alles sehr, sehr anders und die
ganze Perspektive hat sich geändert. Theresa hat in mir Emotion
geweckt, die ich nicht kannte, wie Liebe. Ich denke, ich habe
meine wahren Gefühle die meiste Zeit verdrängt, habe eine Menge
Leute belogen, die annahmen, ich würde sie respektieren und lieben
und für sie sorgen ..."[24]
Ebenfalls 1990 starb Davids leiblicher Vater, was für ihn einen
schweren Schlag bedeutete und mit dazu beitrug, dass er den Boden
unter den Füßen verlor.
(Waiting For The Night - mit freundlicher Genehmigung von © Pablo Maza Castillo)
Vom 31.08. bis zum 12.09. erfolgte mit acht Konzerte der
"Welt-Leg" der Tournee mit Konzerten in Australien und Japan.
Am 17.09. erschien die Single World In My Eyes / Sea Of Sin /
Happiest Girl, ehe am 28.09. der europäische Teil der Tour begann,
der nach 38 Konzerten am 27.11. in Birmingham endete.
Zwischendrin erschien noch am 06.11. die Video-Compilation Strange
Too.
Die Band zog sich in eine Pause zurück, die ihr nicht gut tun würde.
Wie eine Art Orakel im Hinblick darauf und auf die weitere Zukunft, sagte
David: "Ich frage mich, ob es uns in fünf Jahren noch geben wird. Es
hängt davon ab, ob wir weiterhin Freunde bleiben und wie lange wir zusammen
Musik machen wollen. Depeche Mode ist eine Gruppe von vier Leuten, und diese
vier Leute prägen den Sound von Depeche Mode. Wenn eine dieser Personen die
Band verlassen würde, wäre es nicht mehr Depeche Mode. Wenn wir uns trennen
würden, wäre es das Ende."[25]
Natürlich wissen wir, dass er seine Meinung später ändern würde. Es muss
jedoch gesagt werden, dass Alan bereits zu diesem Zeitpunkt mehr und mehr
das Interesse an Tourneen verlor ...
Quellenangaben:
[1] www.recoil.co.uk
[2] Faith, Hope and Depravity, Select, Dezember 1990. Text: Andrew Harrison
[3] Depeche Mode: A Short Film, EPKMUTEL5, The Singles 86>98 Box Set, PBXMUTEL5. Regisseur: Sven Harding
[4] Interview with Depeche Mode, The Videos 86>98, Mute MF033 und Videos 86>98+, Mute MF042. Regisseur: Sven Harding
[5] User's Guide: Depeche Mode, Kingsize, Mai 2001. Autor unbekannt
[6] K-ROQ FM, L.A., Februar 1997, DJs: Kevin and Bean
[7] Faith, Hope and Depravity, Select, Dezember 1990. Text: Andrew Harrison
[8] Sin Machine, NME, 17.02.1990. Text: Stuart Maconie
[9] Sin Machine, NME, 17.02.1990. Text: Stuart Maconie
[10] Real Gahan Kid, Sky, März 1990. Text: Paul Lester
[11] Depeche Mode Hip it up and Start Again, Melody Maker, 10.03.1990. Text: Jon Wilde
[12] Violator, Alligator, NME, 07.07.1990. Text: Jeff Giles
[13] Violator, Alligator, NME, 07.07.1990. Text: Jeff Giles
[14] www.recoil.co.uk
[15] www.recoil.co.uk
[16] Mode Ahead, Muzik, Juli 2001. Text: Ralph Moore
[17] Just Can't Get Enough, Uncut, Mai 2001. Text: Stephen Dalton
[18] In the Mode, Details, April 1993. Text: William Shaw
[19] Real Gahan Kid, Sky, März 1990. Text: Paul Lester
[20] Depeche Mode Hip it up and Start Again, Melody Maker, 10.03.1990. Text: Jon Wilde
[21] In the Mode, Details, April 1993. Text: William Shaw
[22] "I Never Wanted to Destroy Depeche Mode", Melody Maker, 03.04.1993. Text: Jennifer Nine
[23] The Basildon Bond, The Times Magazine, 14.04.2001. Text: Paul Connolly
[24] In the Mode, Details, April 1993. Text: William Shaw
[25] Depeche Mode Hip it up and Start Again, Melody Maker, 10.03.1990. Text: Jon Wilde
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