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1984

Überblick: Veröffentlichungen in diesem Jahr waren die Singles People Are People / In Your Memory und Master And Servant /(Set Me Free) Remotivate Me, das Album Some Great Reward und eine weitere Singleauskopplung, Blasphemous Rumours / Somebody.




Im Januar und Februar 1984 hielt sich die Band hauptsächlich in Berlin auf, wo Martin auch die Songs für Some Great Reward schrieb und darin u.a. seine Gedanken über seine Beziehung zu seiner damaligen Freundin Christina verarbeitet haben soll.
So scherzte Fletch über die Songs auf dem neuen Album: "Einer ist nicht einfach bloß ein Liebessong, es ist so ein richtiger Schmalzsong ... Martin ist wieder verliebt, weißt du?"
Martin: "Es ist wichtig, ehrlich über das zu schreiben, was einem wichtig ist, und wenn es nur für einen selbst wichtig ist. Ein Liebeslied kann eine echte Schnulze, oder aber glaubhaft sein. Manche Leute glauben, dass man Liebeslieder nicht ernst nehmen kann, dass man nur Songs ernst nehmen kann, die von sozialen Problemen handeln."[1] Das ist nahezu das Gegenteil dessen, was er ein Jahr vorher in Bezug auf Construction Time Again sagte. Aber nun ja, die Zeiten ändern sich ...

David und Freundin Jo zogen innerhalb von Basildon in ein eigenes Haus, und er füllte seine Freizeit mit braven Hobbys wie z.B. Angeln: "Ein dummes Hobby. Man wartet fünf Stunden darauf, einen Fisch zu fangen, und wenn man einen fängt, schmeißt man ihn zurück. Ich weiß wirklich nicht, warum ich das mag."[2]
Alan: "Berlin war eine absolut wichtige Phase, in der einige von uns ein wenig vertrauter mit der Welt wurden. Da kam es zu manchen Veränderungen. Am wenigsten wohl bei Dave, glaube ich. Es gab keine dramatische Umwälzung bei ihm, aber ich bemerkte, dass er an Gewicht verlor, dass er drahtiger und aggressiver in seinem Auftreten wurde. Vielleicht spürte er einen gewissen Druck in seinem Privatleben mit Jo."[3] Das genaue Gegenteil davon passierte mit Martin: "In dieser Zeit erlebten wir Martins Verwandlung. Es schien, als müsste er etwas aufholen, zumal er ein recht stiller und reservierter Jugendlicher gewesen war. Das Besuchen von Clubs und Bars wurde zu einer Art Routine und wir alle sahen eine ganz andere Seite von Martin, wenn er locker und gelöst war - oder sagen wir mal: sich besaufen, gefolgt von sich ausziehen, rangierte auf der Liste seiner Lieblingsbeschäftigungen weit oben."[4]

Fletch: "Wir sind in Essex aufgewachsen. Kaum jemand von uns hatte vorher Essex oder London für längere Zeit verlassen. Daher war es für uns sehr interessant, all diese neuen Orte zu sehen, ganz besonders Berlin zu dieser Zeit. In Berlin zu leben und aufzunehmen, machte einen großen Eindruck auf uns, zumal es dort so viele verrückte und interessante Leute gab."[5]
So richtig beeindruckt kann es Fletch dann aber doch nicht haben, denn er zog zu seiner Freundin Grainne und deren Mutter - innerhalb von Basildon. Oft betonte er, Basildon nie verlassen zu wollen.
Auch Alan wirkte eher artig, lebte mit seiner Freundin Jeri und deren Kind in Kilburn, London. Das mit dem Kind war immer ein bisschen undurchsichtig. Es wurde nur sehr selten am Rande erwähnt. Einmal hieß es, es sei Jeris Kind - mit Namen Jason - aber die Quelle dazu war die Bravo. Ein anderes Mal wurde Alan mit "Jeri ist nicht nur die Mutter meines Kindes, sondern auch eine gute Friseurin"[6] zitiert, was man natürlich auch so auffassen kann, dass er das Kind als seins betrachtete, ohne der leibliche Vater zu sein. Hierbei meine ich aber, das so verstanden zu haben, dass Alan mindestens 10 Jahre jünger war als Jeri - wenn nicht sogar noch mehr - und das Kind 1984 um die 12 Jahre alt war. Als ich Gelegenheit hatte, Alan danach zu fragen, erklärte er: "Es stimmt, dass sie um einiges älter war als ich, und dass ich mit ihr und ihrem Sohn zusammen lebte, der nicht von mir war. Wir hatten keine Kinder zusammen."[7]



Stories of Old

(Stories Of Old - mit freundlicher Genehmigung von © "Mr Panda"



Ebenfalls Anfang des Jahres wurde die Single People Are People / In Your Memory aufgenommen, die am 12.03. erschien. Es war der erste Song, der aus einer Prä-Programmierungsphase in einem schäbigen Probenraum in Dollis Hill, Nord-London, hervorging und fertiggestellt wurde.
Alan: "Wir wären schon früher damit fertig geworden, wenn wir nicht einen Teil der Arbeit nach dem berühmt-berüchtigten Zwischenfall hätten neu machen müssen, bei dem ein bestimmtes Mitglied der Band auftauchte, nur, um über das Hauptstromkabel zu stolpern und den Stecker zu ziehen."[8]
Obwohl People Are People vom Text her einigermaßen offensichtlich ist, musste selbst dieser der Presse erklärt werden.
Martin: "Obwohl es ein Song über Rassismus ist, ist es nur ein Beispiel dafür, wie Menschen nicht miteinander klar kommen. Es ist über alle Arten von Unterschieden zwischen Leuten."
Alan: "Man könnte es auch als Anti-Kriegs-Song interpretieren."
Was das Gerücht der "politischen Band" nährte und woraus prompt geschlossen wurde, sie seien nun ernsthafter geworden.
Martin: "Ich denke nicht. Wenn Leute meinen, man sei eine ernsthafte Band, denken sie, man hat keinen Spaß mehr - man renne nur noch mit düsteren Gedanken und ernsten Gesichtern herum und so. Aber das machen wir nicht. Wir sind immer noch die Alten. Nur die Dinge, über die wir schreiben, und die Art, wie wir in Interviews rüberkommen wollen, haben sich geändert."[9]
Nützte aber nicht viel. Stattdessen hing ihnen immer noch das "rote Arbeiter-Polit-Image" von Construction Of Time an.
Bei einem Auftritt im belgischen Fernsehen wurde die ganze Sache noch mal aufgewärmt. Man wollte, dass die Band mit riesigen roten Flaggen im Hintergrund spielte, die von einer Windmaschine aufgebläht wurden. Dazu sollten ein paar Statisten auftreten, die Hammer und Sicheln schwingen. Die Band weigerte sich, diese Dekoration zu akzeptieren.

David: "Die Leute scheinen Martins Witz nicht zu verstehen. Martin hat einen sehr seltsamen Sinn für Humor, und das kommt in seinen Texten zum Ausdruck. Zum Beispiel in People Are People - people get along so awfully. Das Wort awfully ist ein lustiges Wort. Du sagst das nicht in einem Gespräch I get on with you so awfully. Niemand hat das verstanden ..."[10]
Sie versuchten immer wieder mal zu erklärten, dass viele ihrer Songs witzig gemeint seien oder Phrasen enthielten, wie man sie in Basildon benutze. The World We Live In And Life In General, sei zum Beispiel so eine Phrase, die alles andere als ernst gemeint sei. Aber es gibt auch heute noch eine Menge Leute, die DM als "düster" bezeichnen.
Jahre später wurde Alan von einem Fan gefragt: "People ARE People. Was für ein großartiger Text. Ich bin sicher, einer von denen, auf die ihr sehr stolz seid. Was bedeutet er?"
Alan: "Es bedeutet genau das - Menschen SIND Menschen, keine Bären oder Wallabys. Ich denke, das sagt viel."[11]

Mit dem Video zu People Are People - eines ihrer meist gezeigten - waren sie nicht allzu glücklich. Es war auf der HMS Belfast in London gedreht worden und später waren einige Bilder montiert worden, die Moskau zeigten.
Martin: "In den frühen Tagen, machten wir alles, was gerade so kam. Wenn jemand mit einem Videoskript vorbei kam, nahmen wir es. Daher sind wir mit den meisten alten Videos unglücklich."[12]
Genauso wenig glücklich waren sie später mit dem Song selbst.
Fletch: "Es ist wohl einer der Songs, die wir nicht so gern mögen. Martin kann ihn überhaupt nicht leiden. Ich weiß nicht, ob es dazu einem Hintergrund gibt", (ich vermute, Martin bezieht sich dabei auf die Geschichte, die er einmal in Bezug auf Basildon erzählt hat - siehe das Kapitel "Martin Lee Gore" - als er und ein Freund ohne jeden Grund von Jugendlichen angegriffen wurden), "aber er kam eines Tages damit an, wir mochten den Song, gingen ins Studio, nahmen ihn auf - und es wurde ein Hit."[13]
In der Tat verschaffte er ihnen einen enormen Karrieresprung, ganz besonders in Deutschland, wo er Platz 1 der Charts erreichte. Ein deutscher TV-Sender setzte den Song sogar bei Reportagen zur Berichterstattung von den Olympischen Sommerspielen 1984 ein. In Großbritannien war der Song auf Platz 4, und sogar in den USA war er erfolgreich, erreichte dort immerhin Platz 13. Er wurde u.a. zur Hymne der schwul-lesbischen Bewegung und wird auch heute noch ab und an bei Veranstaltungen gespielt. Einige Leute glauben sogar, DM hätten mit diesem Song die amerikanische Gesellschaft verändert.
Martin: "So um die Zeit änderten sich die Dinge für uns in Bezug auf Amerika. Auf der Tournee für dieses Album, waren wir geschockt, was für Trauben von Fans plötzlich zu den Konzerten kamen. Auf einmal spielten wir vor 10.000 Leuten. Aber obwohl sich die Konzerte gut verkauften, hatten wir dennoch weiterhin Probleme, dort Platten zu verkaufen."[14]
Der Erfolg von People Are People überraschte die Band, und auch viele Jahre später wunderten sie sich noch darüber.
Alan: "Nicht schlecht für einen Song, dessen Refrain - People are people so why should it be, you and I should get along so awfully - ein Kandidat für den schlimmsten Text aller Zeiten ist."[15]



Da ich nie eine eindeutige Genehmigung erhalten habe, Ausschnitte aus Depeche-Mode-Songs auf dieser Webseite streamen zu dürfen, beschloss ich, Künstler zu fragen, die Coverversionen eingespielt hatten.
Hier somit ein Ausschnitt aus People Are People von Stone The Crow:

(mit freundlicher Genehmigung von © Stone The Crow)

"Wir hatten uns für People Are People entschieden, weil wir alle DM gut finden und wir auch immer verschiedenste elektronische Einflüsse in unserer Musik hatten. Auch das Songwriting von DM war immer anders und sehr progressiv im Gegensatz zu vielen anderen Acts der "Pop-Musik". Unsere Leiblingssongs waren eigentlich immer Never Let Me Down Again, Home und In Your Room. Zum einen gab es von diesen Songs aber schon gute Versionen, zum anderen war People Are People einfach viel besser auf unsere Musik umzuarrangieren und auch live immer ein Kracher. Wir hatten den Song schon lange live gespielt, bevor wir überhaupt daran dachten, ihn aufzunehmen."
(Marc Stone - Stone The Crow)

Diese Coverversion wurde auf dem Album "Reduce To The Max" und als Single "People Are People" (2002) veröffentlicht. Erhältlich im bandeigenen Shop und bei Amazon



Im März spielten DM fünf Konzerte in Italien und Spanien, sozusagen als letzten Teil der Construction-Time-Again-Tour.
Im Mai begannen dann die Aufnahmen zu Some Great Reward in den Berliner Hansa-Studios, eine Zeit, die übereinstimmend als besonders "fröhlich und produktiv" beschrieben wurde.
Alan: "Im Studio herrschte eine dynamische Atmosphäre, und wir hatten großen Spaß in Deutschland, weil wir auf einmal so viel Erfolg hatten und von so vielen Fans umgeben waren."[16]
David: "Ich bin sehr zufrieden mit dem Gesang - es hat viel zu tun mit Selbstvertrauen und auch mit dem Ingenieur. Ich habe auch ein paar Stunden bei Tona de Brett genommen ... ich wollte mehr für die Atemkontrolle tun. Manchmal, wenn ich über die Bühne renne und dabei singe, komme ich außer Atem. Auf diesem Album haben wir mehr Mühe auf den Gesang verwandt."[17]
Zwei Jahre später sagte er jedoch: "Vor ein paar Jahren dachte ich, ich sollte ein paar Gesangsstunden nehmen und ging zu Tona de Brett ... Alles, was sie machte, war zu versuchen, mich dazu zu bringen, so zu singen wie Barbra Streisand, was mir nicht viel nutzte. Ich versuche, ein Gefühl zu entwickeln, wenn ich singe. Ich singe vielleicht nicht jede Note richtig, aber ich denke nicht, dass das wichtig ist."[18]

Alan: "Ich denke schon, dass wir ein bisschen reifer geworden sind, die Lieder sind jetzt etwas ernsthafter.[19]"
Sie schöpften die Samplertechnik nun voll aus und kreierten viele eigene Töne.
Martin: "Für Master And Servant haben wir viele Spielzeuginstrumente benutzt. Andy und ich gingen zu Hamley's und kaufen fast alles in der Musikabteilung - Xylophone, Spielzeugklaviere, Spielzeugsaxophone ...[20] Eins, das wir viel benutzt haben, war eine Marina. Als Spielzeuginstrument klingt sie furchtbar, aber wenn man sie ein paar Oktaven tiefer stimmt, klingt es toll."
Alan: "Die Leute glauben, dass, wenn man Spielzeuginstrumente benutzt, es verrückt klingt, aber wir benutzen sie ja nicht auf normalem Wege. Wenn man sie sampelt, bekommen sie eine neue Qualität, und wenn man sie transponiert, bringt man sie in einen ganz neuen Kontext."[21]
Einige der Töne auf Master And Servant - besonders der Peitscheneffekt - basieren auf Daniel Miller, der zischte und spuckte. ("Wir haben versucht, eine echte Peitsche aufzunehmen, aber es war hoffnungslos.")[22]

Man unterbrach die Arbeiten an den Aufnahmen, um am 02.06. gemeinsam mit Elton John in Ludwigshafen aufzutreten. Daran lag es wohl aber kaum, dass man in einen erheblichen Zeitrückstand geriet.
Alan: "Wir kehrten von Music Works [in London, wo wir aufgenommen hatten] in die Hansa Studios zurück, um das Album abzumischen, aber konnten den Zeitplan nicht einhalten. Das Ergebnis war, dass ich, Dan und Gareth das Album allein vervollständigten, weil die anderen drei Bandmitglieder ihre Sommerferien schon gebucht hatten und sie nicht stornieren wollten. Ich hatte vorausgesehen, dass wir den Zeitplan nicht würden einhalten können und hatte daher keine festen Zusagen gemacht, denn ich wollte den Mixprozess nicht verpassen."
(Wenn man Aussagen wie diese liest, fängt man an zu verstehen, warum die Dinge später so schwierig wurden. Für den Rest der Band war es vollkommen in Ordnung, Alan allein im Studio zurückzulassen, wissend, er und die anderen beiden würden einen guten Job machen. Andererseits schien es Alan zu dieser Zeit absolut nichts auszumachen ...)
Master And Servant erschien zur gleichen Zeit wie Frankie Goes To Hollywood's Hit Relax, sodass man das Ziel hatte, einen ebenso "fetten, runden Basssound" zu kreieren.
Alan: "Wir haben uns den A*** aufgerissen, um das hinzubekommen, und endete darin, dass wir genau das Gegenteil erreichten. Getoppt wurde das Ganze dadurch, dass wir sieben Tage daran herum bastelten, um dann die Snare Drum zu vergessen. Dies fiel aber erst auf, als Gareth und Dan in einem Berliner Club eine Testpressung auflegen ließen. Am schlimmsten war wohl, dass der Track ausgerechnet nach Relax lief. Es war nicht sehr überraschend, dass sich die Tanzfläche leerte und die beiden allein dort stehen blieben."[23]

Am 20.08. erschien die Single Master And Servant / (Set Me Free) Remotivate Me, gefolgt vom Album Some Great Reward, das am 24.09. veröffentlicht wurde.
(Übrigens - wusstet du, dass Brian Griffith für den Hintergrund des Covers von Some Great Reward ein Gebäude der Round Oak Stahlwerke in Brierley Hill benutzte? Die Fabrik wurde wenig später abgerissen.)
Das Video zu Master And Servant wurde in Berlin gedreht.
Alan: "Clive [Richardson] engagierte einen französischen Choreographen, der den tollen "Eetsa lot, eetsa lot"-Tanz kreierte. Einer der peinlichsten Momente bei einem Videodreh überhaupt - und glaubt mir, da gab es viele."
Weiterhin beschreibt er auf seiner Webseite "die Absage eines Filmtags, nachdem es zwischen zwei Bandmitgliedern zu Handgreiflichkeiten gekommen war. Diese brachen aus, als die eine Partei die andere des exzessiven Trinkens beschuldigte. Das Depeche-Mode-Camp fühlte sich etwa eine Woche lang höchst unwohl, bis alles wieder seinen normalen Gang nahm, ein Friedensangebot unterbreitet wurde und sich das glückliche Paar an der 'Space Invader'-Maschine in den Hansa Studios versöhnte."
Ich bin mir nicht ganz sicher, aber es ist wahrscheinlich, dass er mit der folgenden Anekdote auf den gleichen Zwischenfall Bezug nimmt: "Es gab da einen bestimmten Videodreh, bei dem es zu einem heftigen Streit zwischen zwei Bandmitgliedern kam. Ich werde natürlich keine Namen nennen, aber es war so, dass ich, als Dave versuchte, mich auf dieses Spektakel aufmerksam zu machen, leider gerade mit etwas anderem beschäftigt war und es verpasste."[24]

Martin: "Bei dem Video haben wir uns von dem sexuellen Aspekt ferngehalten. Es wäre zu leicht gewesen, ein Video á la Relax II zu machen. Es gibt ein bisschen Herumgerolle und Herumgespiele mit Ketten, aber nichts wirklich Offenkundiges."
David: "Man muss ja auch daran denken, dass es verboten werden könnte. Es könnte bedeuten, dass Hunderte oder Tausende von Leuten wegen einer Sache darin das Video nicht zu sehen bekommen."
Alan: "Wir dachten das auch von dem Song. Aber wir machen weiter und veröffentlichten ihn."[25]
David: "Man muss Risiken eingehen. Man kann nicht immer auf der sicheren Seite stehen. ... Wir hatten Probleme mit Master And Servant. Aber nur einer bei der BBC dachte, er wäre obszön, und der war im Urlaub, als die Entscheidung fiel! Das Mädchen, das die Entscheidung traf, stimmte uns zu, dass es um Liebe und Leben geht, worum es auch tatsächlich geht."[26]
Martin: "Es geht um Dominanz und Ausnutzung. Der Song besagt, dass diese beiden Leute sich dem hingeben und daraus Erfüllung schöpfen, weil es sie an ihr Leben außerhalb des Schlafzimmer erinnert."[27]
David: "Ja, aber es ist schon auch sexuell, oder?"
Alan: "Nein, ist es nicht, es geht nicht nur um Sex. Martin?"
David: "Ich denke, es ist vom Text her sehr offensichtlich."
Martin: "Na, schön."[28]



Master And Servant

(Master and Servant - mit freundlicher Genehmigung von © Esther Perez)



Somebody sang Martin nach eigener Aussage nackt, was auch von Alan bestätigt wurde. Eine Geschichte, die sogar noch 2010 zum Thema gemacht wurde, als Alan im Rahmen der Selected-Tour (mit Recoil) einen Auftritt in den Hansa Studios hatte.
Allerdings wird die Geschichte jedes Mal ein bisschen anders erzählt. Mal heißt es, Alan und Martin seien nicht im gleichen Raum gewesen, sondern Alan hätte sich im Meistersaal am Flügel und Martin im Raum nebenan oder eine Etage tiefer "im Keller" befunden, mal heißt es, sie seien im gleichen Raum gewesen und Alan habe den Flügel umdrehen lassen, weil Martin sich nackt auszog.
Martin: "Somebody ist durchaus ein Liebessong, wenn man so will, definitiv kein Anti-Liebessong."[29] Aber "ein schöner Song ist für mich unvollständig, wenn er nicht die ganze Geschichte erzählt. Deshalb habe ich auch diese Wende am Ende von Somebody eingebaut, weil der Song einfach zu nett war. Man sagt, ich sei zynisch, was die Liebe in meinen Songs angeht, und vielleicht bin ich das, aber ich denke, dass es ein interessanter Betrachtungswinkel ist. Ansonsten wird man genauso profan wie die meiste Musik in den Charts. Beziehungen haben ihre dunklen Seiten, und ich mag es, darüber zu schreiben.[30]"

Something To Do schrieb Martin als Ausdruck der Langeweile, die er für Basildon empfand: "Man kann dort ein Saufkopf werden, der jede Nacht trinken geht, Cockney redet usw. Oder du fängst an, Frauenkleider zu tragen - das ist alles, was man da machen kann."[31]
Und er fing an, Frauenkleider zu tragen! Ein Thema, mit dem sich die Presse in den nächsten zwei, drei Jahren beschäftigen würde. Intensiv beschäftigen. Es begann damit, dass er sich einen Lederrock kaufte und diesen über Lederhosen trug. Dies rief Begeisterungsstürme in der Presse hervor, die sich im wahrsten Sinne des Wortes auf den Rock stürzte. Es steigerte sich, als Martin das Outfit verschärfte, den Rock ohne Hosen trug, dann Kleider, Seidenstrümpfe (wobei im Übrigen jede Frau beim Anblick der Beine vor Neid erblassen würde :D) und Perlenketten.
Der Rest der Band nahm dies je nach Temperament mit Humor oder mit "Oh Gott, du musst das ausziehen"[32] zur Kenntnis. Letzteres nahm Martin offenbar wörtlich, denn er machte er sich einen Namen als "Club-Stripper".
Einige Journalisten und Biographen nahmen diese Phase viel zu ernst. Ich denke, sie war genau das, was Martin darüber gesagt hat: Spaß. Er war weder "seltsam" noch "pervers" und auch nicht "tuntig". Es war einfach die Lust am "sich verrückt anziehen und ein bisschen aus der Rolle fallen" und Teil von Martins speziellem Humor, den - wie einige Fans in der Befragung dieser Webseite beklagten - "leider nicht alle verstehen".
"I'd put your pretty dress on" (Something To Do) war ein Witz - und dieses tatsächlich zu tun war auch ein Witz.


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Da wir gerade bei Witzen sind: manchmal lieferte die Band den Beweis, dass sie absolut nicht ernsthaft und erwachsen waren.
Martin: "Einmal abgesehen davon, dass Andy in einer ziemlich erfolgreichen Band ist, hat er auch die kleinsten Brustwarzen der Welt."
David: "Sie sind wie zwei Sommersprossen."
Fletch: "Sie sind einfach nie gewachsen. Aber sie sind nicht sooo schlimm."
Martin: "Doch, sind sie, Fletch."
David: "Du bist ein komischer Typ, Fletch."
Fletch: "Ich habe nur nicht sehr große wie-nennt-man-das? Das runde Ding ... das dunkle Ding drum herum."
David: "Das IST deine Brustwarze, Andy."
Fletch: "Nein, ist es nicht."
David: "Ich erkläre dir das später. Männergespräch. Ich werde dir ein paar Bücher darüber geben."[33]

Alan beschreibt hier im Rückblick, wie er sich damals die Haare stylte:
"HOT HAIR (circa 1983/84)
Man braucht:


Man nehme den dummen Typen und lasse ihn für eine halbe Stunde vor dem großen Spiegel stehen. Man fange damit an, dass man das spärliche Haar komplett mit zwei Tuben Gel bedeckt. Mit dem Kamm bringt man das alles nach oben, bis es einem Laib Brot ähnelt und bedecke es umgehend GROSSZÜGIG mit Haarspray (man muss aber noch was für den Schluss aufheben.) NICHT BEWEGEN!
Als nächstes:
Ignoriere die Tatsache, dass jeder sagt: "Guck dir den dummen Typen an, der so aussieht, als hätte er ein Laib Brot auf dem Kopf" und platziere dich entschlossen in einer ebenso schlecht angezogenen und lustig-katastrophalen 80er-Jahre-Popband. Schließlich füge man noch etwas mehr Haarspray hinzu und serviere ihn umgehend einem Schwarm junger Mädchen, die ihm sagen werden, dass er toll aussieht ..."[34]



Alan

(mit freundlicher Genehmigung von Alan Wilder)



Kein Spaß für die Band damals, aber im Rückblick sind die Geschichten, die die Teenie-Magazine schrieben, ziemlich lustig.
Der britische Journalist Don Watson und DM betraten ein Hotel und sichteten ein Reporterteam eines deutschen Teenie-Magazins mit Kameras.
Fletch: "Es ist nicht gut, zu sagen, man wolle nicht mit ihnen sprechen. Sie bringen dann trotzdem irgendwas. Das letzte Mal, als wir uns weigerten, ein Interview mit ihnen zu machen, brachten sie eine Geschichte darüber, dass Dave nach Ende jeder Show in die Garderobe getragen werden müsse. Und davor, dass wir gesagt hätten, wir würden jeden unter 20 hassen, was uns bei ihrer Leserschaft sehr beliebt gemacht hat."
Als sie durch die Schwingtür gingen, ließ David sich theatralisch auf den Boden fallen. "Hilfe! Ich brauche eine Tasse Kaffee!", jammerte er, als sich der Rest der Band um ihn scharrte.
"Oh Gott", heuchelte Alan, "das passiert JEDES Mal!"[35]

Die erste Geschichte, auf die Fletch anspielte, war tatsächlich ziemlich durchsichtig. Dramatisch wurde berichtet, wie David in die Garderobe getragen und dort vorsorgt wurde. Dann hieß es aber dummerweise, Helfer achteten darauf, dass niemand den Raum betrete, auch keine Bandmitglieder. Zwei Zeilen weiter wurde jedoch erzählt, wie David auf der Ruhebank läge. Wenn niemand in den Raum durfte, woher wollten die Reporter das dann wissen?
(Ein belgischen Teenie-Magazin sprang auf diesen Zug auf und zitierte David mit: "Als ich jünger war, habe ich nie Sport gemacht. Als Depeche Mode bekannter wurde, kollabierte ich umgehend nach den ersten paar Konzerten. Jetzt kann ich damit glücklicherweise besser umgehen. Wann immer ich einen Tag frei habe, gehe ich ins Fitnesszentrum. Dort trainiere ich bis zur Erschöpfung. Schattenboxen. Gewichtheben ..."[36] Ich lege meine Hände nicht dafür ins Feuer, dass er das wirklich so gesagt hat ;))
Die Reaktionen zu der zweiten Geschichte - sie würden jeden unter 20 hassen - fielen tatsächlich dramatisch aus. Etliche Fans empörten sich in Leserbriefen über die "Arroganz" der Band.
Die Fehler in den Geschichten, die in diesen Teenie-Magazinen erschienen, waren gravierend, alles Mögliche wurde andauernd verwechselt, oder es wurden wilde Behauptungen aufgestellt.
Demnach waren Martin und Vince die Schulkameraden (es waren Fletch und Martin) und die alleinigen Gründer von DM. Ein ganzes Album (Construction Time Again) wurde zu einem Song degradiert und Alan verlor seine Songwritermeriten an Martin, da dem kurzerhand Two Minute Warning zugeschrieben wurde - "er hat Weltuntergangsphantasien".
Stripped wurde so missinterpretiert, dass deutsche Jugendliche lange dachten, DM wollten, dass sich alle Mädchen, die sie trafen, nackt vor ihnen auszögen. (Was mit Sicherheit auch einige taten ...) Shake The Disease wurde mit AIDS in Verbindung gebracht. Und David hätte Autos geklaut, weil seine Familie nichts zu essen gehabt hätte. Außerdem hätte er als Jugendlicher die ganzen Armen voller Tätowierungen gehabt, die er sich mit äußerst schmerzhaften Ätzmitteln entfernen ließ (er hat sich nur eine entfernen lassen - mit Laser).[37]


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Am 27.09. ging es mal wieder auf Tournee, die sich diesmal mehr oder weniger in vier Teile aufteilte. Bis zum 04.11. spielte die Band erst einmal 19 Konzerte in Großbritannien.
David: "Je weniger Konzerte man auf einer Tournee spielt, umso mehr macht es Spaß. Ich liebe den Kontakt mit dem Publikum, es gibt mir einen großen Kick, den man im Studio oder im Fernsehen nicht bekommen kann. Ich fühle eine große Macht, wenn ich 6.000 Leute dazu bringen kann, das zu machen, was ich will. Diesmal ist es eine sehr große Tour mit mehr Konzerten, als wir eigentlich geben wollten. Es gibt ein paar freie Tage, aber meistens sind die Konzerte dicht an dicht. - Und wenn wir einen freien Tag haben, ist es immer ein Sonntag in Hanley. Warst du schon mal an einem Sonntag in Hanley? Man sieht sich ein paar Antikläden an, wandert herum und denkt: Was zur Hölle kann ich tun?, geht zurück ins Hotel, schaut sich ein paar Videos an. Es ist schrecklich. Danach will jeder Ferien.
Die letzte Deutschlandtour endete gerade vor Weihnachten, und um diese Zeit war es schwierig, jede Nacht etwas anderes zu machen. Meine Gedanken schweiften dauernd ab, und ich vergaß den Text ... Aber ich mag es jetzt, mich auf der Bühne zu bewegen - früher stand ich nur da und hielt mich am Mikrophonständer fest."[38]
Alan: "Es ist jede Nacht das Gleiche. Es wird langweilig mit der Zeit. Das Schlimmste ist, nachmittags drei Stunden in einem Hotelzimmer verbringen zu müssen. Ich fotografiere, um die Langweile zu vertreiben, aber ich kann keine Songs schreiben oder so, auch Martin kann das nicht. Das ist etwas an Tourneen, das einen dazu bringen kann, es zu lassen."[39]
Diese Langeweile würde nur wenige Zeit später zu jener "Party-Falle" führen, die noch ihre Konsequenzen haben würde.

Zwischendrin erschien am 29.10. die Single Blasphemous Rumours / Somebody.
Gerüchten zufolge sollen die Motive aus Blasphemous Rumours auf einer wahren Geschichte beruhen. Ob nun wahr oder nicht, die BBC weigerte sich, den Song zu spielen, und auch andere Leute reagierten extrem negativ darauf.
"Gott liebt die Welt so sehr, dass Er Seinen einzigen Sohn sandte, und wenn Er das tat, dann kann Er keinen kranken Sinn für Humor haben[40]", sagte ein Priester aus Basildon in einer örtlichen Zeitung als Kommentar zu Blasphemous Rumours.
David: "Blasphemous Rumours ist nicht wirklich ein Anti-Religions-Song. Natürlich ist es eine persönliche Stellungnahme von Martin, aber es ist auch etwas, wie sich jeder manchmal fühlen muss. ... Es geht um Sachen, die uns aufgefallen sind, wie zum Beispiel die Gebetsliste für bestimmte Leute, die krank sind, im Sterben liegen. So was eben ..."
Martin: "Den Leuten wird zu viel gepredigt - ganz besonders in Basildon, weißt du? Die Leute hängen sich aus Angst vor dem Tod an die Religion. Es ist nicht schlecht, religiös zu sein. Ich denke sogar, ich wäre glücklicher, wenn ich glauben könnte."
Fletch: "Ich habe mich von der Religion abgewandt, weil ich herausfand, dass ich dadurch ein sehr langweiliges Leben führte. Ich wollte leben, aber ich war gefangen, und ich dachte: Wenn ich morgen sterbe, dann war das alles ... Es ist eine Schande, dass das Christentum so verdreht ist, weil es durchaus etwas zu bieten hat."[41]

Der zweite Teil der Tournee erstreckte sich vom 15.11. bis zum 18.12. und beinhaltete 16 Konzerte in Europa.
Aber natürlich wurde Blasphemous Rumours auch bei einigen TV-Auftritten gespielt. Während man den metallischen Klang ursprünglich mit Hammerschlägen auf einem Betonfußboden erzeugt hatte, entschied sich die Band dafür, bei TV-Auftritten auf dem Rad eines Fahrrades und einer Ansammlung von Blöcken "zu spielen".
Alan: "Aber die einzigen echten Erinnerungen, die ich an TV-Auftritte [bei Tommy's Popshow] habe, ist, dass wir immer die Gelegenheit wahrnahmen, uns Backstage mächtig zu betrinken - ganz besonders in dem Jahr, in dem Frankie Goes To Hollywood mit uns in der Show war."[42]
(Es gab hierbei sogar einen Trinkwettbewerb, den DM für sich entscheiden konnte. Vermutlich muss man dies als Beleg für die Langeweile werten, die solche TV-Auftritte mit sich brachten.)






Quellenangaben:
[1] The Basildon Bond, Melody Maker, 10.03.1984. Text: Micky Senate
[2] Are These Men Really Miserable? Smash Hits, 15.-28.03.1984. Text: Johnny Black / Peter Martin
[3] www.recoil.co.uk
[4] Just Can't Get Enough, Uncut, Mai 2001. Text: Stephen Dalton
[5] The Story Of Depeche Mode, BBC Radio London Live94.9, 07.05.2001, Produzent: Tony Wood
[6] Depeche Mode prive (part one: Alan Wilder), Autor, Medium und Datum sind unbekannt
[7] Depechemodebiographie.de
[8] www.recoil.co.uk
[9] Clunk Clunk Every Trip, Record Mirror, 10.03.1984. Text: Jim Reid
[10] Aces High, Zig Zag, August 1985. Text: William Shaw
[11] www.recoil.co.uk
[12] Clunk Clunk Every Trip, Record Mirror, 10.03.1984. Text: Jim Reid
[13] Depeche Mode: The Interview, Talking Music SPEEK013, 1988
[14] Violator, Alligator, NME, 07.07.1990. Text: Jeff Giles
[15] www.recoil.co.uk
[16] www.recoil.co.uk
[17] Blasphemy Rewarded, Melody Maker, 22.09.1984. Text: Mark Jenkins
[18] Basildon Bond, Blitz, April 1986. Text: Bruce Dessau
[19] Are These Men Really Miserable? Smash Hits, 15.-28.03.1984. Text: Johnny Black / Peter Martin
[20] Construction Time Again, Smash Hits, 16.08.1984. Text: Tim de Lisle
[21] Sampling Mode, International Musician And Recording World, November 1984. Text: Adrian Deevoy
[22] Blasphemy Rewarded, Melody Maker, 22.09.1984. Text: Mark Jenkins
[23] www.recoil.co.uk
[24] www.recoil.co.uk
[25] Master of the Game, Record Mirror, 29.09.1984. Text: Eleanor Levy
[26] Blasphemy Rewarded, Melody Maker, 22.09.1984. Text: Mark Jenkins
[27] Master of the Game, Record Mirror, 29.09.1984. Text: Eleanor Levy
[28] Everything Counts (in Large Amounts), Number One, 19.10.1985. Text: Paul Bursche
[29] Blasphemy Rewarded, Melody Maker, 22.09.1984. Text: Mark Jenkins
[30] Sin Machine, NME, 17.02.1990. Text: Stuart Maconie
[31] Coming up Smiling, The Face, Februar 1985. Text: Sheryl Garratt
[32] Violator, Alligator, NME, 07.07.1990. Text: Jeff Giles
[33] Master of the Game, Record Mirror, 29.09.1984. Text: Eleanor Levy
[34] www.recoil.co.uk
[35] Deconstruction Time Again, NME, 22.12.1984. Text: Don Watson
[36] Depeche Mode begs for a vacation, Joepie, 1984, unbekannter Autor
[37] Verschiedene Artikel in der Bravo
[38] Blasphemy Rewarded, Melody Maker, 22.09.1984. Text: Mark Jenkins
[39] Strange but True, Smash Hits, 22.11.-05.12.1984. Text: Neil Tennant
[40] Quelle ist nicht mehr auffindbar
[41] Blasphemy Rewarded, Melody Maker, 22.09.1984. Text: Mark Jenkins
[42] www.recoil.co.uk



Biographiefaden: 1985

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Rezension zu Some Great Reward
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© 2007-11 Lilian R. Franke



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