1997
Übersicht: Veröffentlichungen in diesem Jahr waren
die Singles Barrel Of A Gun / Painkiller und
It's No Good / Slowblow, das Album Ultra sowie die weiteren
Singleauskopplungen Home und Useless.
Für den Sampler Dream Home Heartaches nahm David
den Song A Song For Europe auf, und Alan veröffentlichte die
Single Drifting und das Album Unsound Methods.
Nachdem das Album Ende 1996 endlich fertig geworden war, waren
Anfang 1997 alle erschöpft und brauchten unbedingt eine Pause.
Produzent Simeon fand es offenbar so extrem, dass er danach nur noch
für eine Single mit DM zusammenarbeitete. Es heißt, dass er nach den
langen Aufnahmen-Sessions komplett ausgebrannt war, was im Widerspruch
zu Martins Aussage steht: "Es war so eine gute Atmosphäre. Und so
eine freundliche, nette Atmosphäre hat es in der Vergangenheit nur selten
gegeben. Tim weiß genau, was vorher passiert ist und wohin wir wollen. Er
hat uns nur geholfen, uns in die richtige Richtung zu schubsen."[1]
(Außer Martin
würde nie jemand behaupten, es sei einfach gewesen, Ultra aufzunehmen.
Es ist daher schwer nachzuvollziehen, warum er dies in zahlreichen Interviews
immer wieder behauptete. Als Spitze gegen Alan?)
Fletch: "Nach dem Album litt Tim unter einer Nach-dem-Album-Depression."
Aber es muss auch gesagt werden, dass "er der coolste Mann auf der Welt ist. Er
weiß, wie man in jeden Club reinkommt."
Martin: "Bis er uns getroffen hat." (lacht) "Wir haben gerade bei Top
Of The Pops gespielt ..." (wo nicht nur Tim Simeon Keyboard spielte, sondern
auch Anton Corbijn Drums). "Kurz bevor wir auf die Bühne gingen, sagte ich zu
Tim: du weißt, dass du jetzt zu den Uncoolen zählen wirst, weil du mit uns auf
der Bühne warst." (lacht) "Ich denke, er wurde sehr nervös." (lacht)
Fletch: "Anton hat es sehr ernst genommen. Er sagte mir, er sei in den
letzten zehn Jahren niemals so glücklich gewesen." Andererseits muss gesagt
werden, dass "er mir sogar Klamotten kauft und mir befiehlt, sie anzuziehen!
Und er hat den schlimmsten Geschmack auf Erden."
Martin: "Wir sind schon ein wenig in Sorge wegen unseres neuen Videoclips.
Wir haben noch nicht das ganze Konzept gelesen, und wir haben Sorge, dass der
Fokus zu 99 Prozent auf dem Drummer liegen wird." (lacht)[2]
Am 03.02. erschien die Single Barrel Of A Gun / Painkiller,
gefolgt von It's No Good / Slowblow am 31.03. (Keines der Videos
hatte einen Fokus auf dem Drummer :D)
Am 10.04. fand in London eine Releaseparty statt, ehe am
14.04. schließlich das Album Ultra erschien.
Es folgten drei TV-Auftritte, darunter auch bei "RTL Samstag Nacht", und am
16.05. eine weitere Release-Party, diesmal in Los Angeles.
Doch was immer die Band auch tat oder veröffentlichte, die Medien
interessierten sich für alles, nur nicht für die Musik.
Es war das Jahr der Geständnisse und öffentlichen "Therapiesitzungen".
David umarmte sogar Journalisten, nachdem er sich bei ihnen
"ausgeheult" hatte. Und noch immer wurde zumeist separat interviewt
bzw. David allein, weil es ihm offenbar schwer fiel, in der
Gegenwart der beiden anderen offen zu sprechen. Symptomatisch dafür
war ein ergebnisloses Interview, bei dem David immer anfing zu
reden, dann aber nach einem Blick auf Martin verstummte.
Martin und Fletch öffneten sich zwar auch ein bisschen, aber hier und da
konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass ihnen Davids
"Seelenstriptease" auf den Geist ging.
(Staring down the barrel of a gun - mit freundlicher Genehmigung von © Maerten Prins)
David: "Nun, es ist kein Geheimnis, dass ich schon früh angefangen
habe, zu trinken und Drogen zu nehmen. Hasch. Amphetamine. Kokain
kam dann, Alkohol war immer da, Hand in Hand mit Drogen. Dann habe
ich Heroin entdeckt, und ich würde lügen, dass es mich nicht fühlen
ließ wie, nun ... wie ich mich nie zuvor gefühlt hatte, ich fühlte
mich zugehörig. Zu was weiß ich nicht. Es kam mir so vor, als könnte
mich nichts verletzen. Ich war unbesiegbar."[3]
Viele Leute stellten die Frage, warum von der Band oder deren
Umfeld niemand etwas unternommen hatte, um ihm zu helfen.
"Es gab eine Menge Leute, die mir sagten, ich bräuchte Hilfe.
Aber ich wollte nicht zuhören. Um ehrlich zu sein, Mart, Fletch und
Alan waren da ziemlich naiv. Sie dachten, ich hatte beschlossen,
ein seltsamer Rockstar zu werden. Und ich war sehr seltsam. Eines
meiner größten Probleme ist, dass ich versuche, es allen recht zu
machen. Ich will, dass mich die ganze Welt liebt. Ich habe immer
versucht, im Mittelpunkt zu stehen. Ich habe das so sehr versucht,
dass ich darüber vergessen habe, mich selbst zu lieben."
Zwar wäre er gern mit Ultra auf Tour gegangen, wagte es aber nicht.
"Ich habe Angst, dass ich nicht stark genug dafür bin. Als
ich von der letzten Tour kam und versuchte, zu einem normalen Leben
zurückzufinden, stellte ich fest, dass ich David komplett verloren
hatte. Ich war nur Dave. David ist eine sehr verängstigte Person,
die die Fähigkeit verloren hat, zu vertrauen, zu lieben, geliebt zu
werden oder überhaupt etwas zu fühlen. Das einzige Gefühl, das
angenehm war, war Schmerz. Darin bin ich gut. Es ist mein größtes
Problem." (lacht)[4]
Während Martin David schon mal zu einem Instrument degradierte,
behauptete David gern, Martin schreibe über ihn.
"Martin sagt, es ist nicht so. Ich denke, unbewusst schaut
er auf sich selbst. Ich will nicht über Martin richten, aber ich
denke, er hat ein Alkoholproblem, und ich denke, er weiß es. Deshalb
denke ich, Martin schreibt diese Songs mehr über sich selbst, aber trifft
damit auch meine Probleme."[5]
Zu dieser Zeit sprach er Martins Alkoholproblem mehrfach an, (wenngleich er
auch sich selbst als Alkoholiker bezeichnete), etwas, was Martin alles andere
als lustig fand.
Es fiel ihm zu dieser Zeit sehr schwer, mit Leuten zusammen zu
sein, die Alkohol tranken oder Drogen nahmen.
"Mart und Fletch trinken, Mart trinkt sehr viel, und sie
trinken auch, wenn ich dabei bin, und manchmal ist das ein bisschen
schwierig, nicht, weil ich mich betrinken möchte, sondern, weil
ich mich ausgeschlossen fühle. Das bringt mich in Schwierigkeiten.
... Ich bete viel. Ich bete nicht um Vergebung, aber ich gehe auf
die Knie und danke Gott dafür, dass ich wieder einen Tag clean
geblieben bin. Ich bete die Wand an in der Hoffnung, dass mir
jemand zuhört. Aber weißt du was? Es geht mir damit besser. Es
fühlt sich gut an, an etwas zu glauben. Ich will nicht zurück
in das Ganze. Ich habe zu viel zu verlieren. Und ich meine nicht
die Band, ich meine mich selbst. Kleine Teile von David kommen
jeden Tag zurück. Ich kann wieder über eine Comedyshow lachen
oder weine bei einem traurigen Film - ich habe das lange nicht
mehr getan! Ich hatte keine normalen Gefühle mehr! Ich saß da
und habe den Wetterkanal ansehen, 12 Stunden am Tag ...
Ich will meinen Sohn aufwachsen sehen. Gerade dieses Wochenende bekam ich
die Gelegenheit, meinen Sohn zu sehen. Es war toll! Eine Sache,
die mir an ihm aufgefallen ist, was ich nicht wahr genommen habe,
als ich auf Droge war, ist die Art, wie er mich ansieht. Er
sieht mich mit so viel Liebe an, und ich habe das nie wirklich
bemerkt vor diesem Wochenende. Ich konnte ihm direkt in die Augen
sehen ... und ich fühlte mich beschämt. Es war fast so, als wäre
er der Erwachsene und ich das Kind.[6]
Wie kann man erwarten, dass jemand für einen da ist, wenn man
nicht für sich selbst da ist. Ich will für jemanden da sein, aber
im Moment muss ich erst mal um David kümmern.[7]"

Martin und Fletch hatten in dieser Zeit wenig Glück mit Interviews,
wenngleich klar ist, dass vieles von dem, was sie sagten, sicher nicht so
gemeint war.
Martin: "Ich habe zweimal gedacht, Dave wäre tot. Man bekommt
einen Anruf und jemand sagt: Ich muss mit dir über Dave sprechen,
etwas wirklich Schlimmes ist passiert, und der erste Gedanke, den
man hat, ist: Oh mein Gott, jetzt hat es ihn erwischt! Und das ist
zweimal passiert. Und es ist wirklich schlimm."
Fletch: "Er müsste eigentlich tot sein. Ich weiß nicht, wie sein
Körper das ausgehalten hat."
Martin: "Wie geht dieser Spruch noch gleich? - Institutionen? Gefängnis?
Tod? Und Dave sagt: Ich bin dort
gewesen und habe es überstanden. Und er lebt noch. Er singt noch.
Es ist ein Wunder, danke Gott." (lacht)
Fletch: "Die Leute von unserem Label müssen in den letzten Jahren
mehrere Herzattacken erlitten haben."
(Martin lacht.)
David: "Vor sechs Monaten war ich sehr angep***, weil alles, was
für Mart und Fletch wichtig schien, war, ob ich tot war und es
kein DM mehr gibt. Ich habe von ihnen keinerlei Unterstützung
bekommen. In drei Jahren habe ich allenfalls ein- oder zweimal
von Mart gehört. Um fair zu sein, ich denke nicht, dass sie
wussten, wie schlimm es wirklich war. Sie sahen mich nur
sporadisch, und ich habe versucht, sie zu täuschen. Aber ich bin
immer noch ein bisschen verletzt, besonders von Mart. Er rief
mich an, bevor ich in das Entzugsprogramm ging, und er war sehr
wütend auf mich. Ich kam vom Telefon zurück und weinte, weil ich
realisierte: Sch***, sie geben nichts auf mich, es geht nur
darum, dass es DM nicht mehr geben könnte. Sehr egoistisch. Ich
war sehr egoistisch, aber es wäre nett gewesen, wenn es
Unterstützung von meinen sogenannten Freunden gegeben hätte.
Fletch sagte mir, viele seiner Freunde hätten gesagt: Warum
schmeißt ihr ihn nicht einfach raus?" (lacht) "Lustiges Konzept,
gerade von Fletch!"[8]
Fletch: "Als er krank war, riet man uns, einen neuen Sänger
zu suchen und ihn rauszuschmeißen. Aber Dave wäre auch nie zur
mir gekommen und hätte gesagt, Gore sei Sch*** und wir bräuchten
einen neuen Songwriter. Seine Stimme und Martins Songs machen
DM aus."[9]
Martin (im Versuch, ein paar Dinge richtig zu stellen):
"Wir hatten keinen Drogendealer mit auf der Devotional dabei.
Auf jeder Tour taucht sicher irgendwo ein Dealer auf, aber wir hatten keinen
vollbezahlten dabei. -
Ja, ich bin zwischenhinein verhaftet worden. Aber es war so:
In der einen Nacht hatte ich eine Party mit 50 Leuten in meinem Zimmer,
und es war sehr laut. Aber es passierte nichts. In der nächsten Nacht war
ich nur mit einem Freund zusammen und hörte Musik, aber sehr leise.
Man rief mich an, ich sollte sie leiser machen, was ich machte. Sie riefen noch
mal an, ich sollte sie leiser machen, und ich stellte sie ganz ab.
Dann, als es ganz still war, klopfte die Polizei an die Tür. Ich
machte auf, sie stürmten rein, warfen mich auf das Bett und legten
mir Handschellen an. Ich denke, es ging um die Nacht davor. Ich
kann mich nicht so genau erinnern. Ich war ziemlich betrunken zu
der Zeit, und es kam mir ziemlich spaßig vor. -
Doch, wir haben Dave geholfen. Ich denke, sogar Dave wird zugeben, dass es
schwer war, ihm zu helfen, da er sich selbst isoliert hat. Er gibt zu,
ein cleverer Junkie gewesen zu sein, er hat es so gut wie möglich
vor uns versteckt. Wir wussten, es gab ein Drogenproblem, aber
wir wussten nicht, wie schlimm es war, bis es zu spät war. Aber
wir haben Dave eine Chance nach der anderen gegeben und
glücklicherweise hat er dann eine davon ergriffen. -
Nein, ich bin kein Alkoholiker. Ich mag es nicht, wenn über meine
persönlichen Probleme gesprochen wird. Ich trinke ziemlich
viel. Aber jeder weiß, dass ich das tue. Wenn ich zu viel
trinke, ist das meine persönliche Angelegenheit. -
Dave muss realisieren, dass er vielleicht nicht die richtige
Entscheidung getroffen hat, in ein Interview zu gehen und
sein Herz zu öffnen. Es wird sehr langweilig. Jedes Interview,
das er jetzt macht, dreht sich um Drogen. Die Tatsache, dass
er Musik macht, scheint für die meisten Leute irrelevant geworden zu sein. -
Nein, ich schreibe nicht über Dave und seine Probleme. Ich schreibe immer
aus meiner Perspektive. Aber er scheint zu denken, meine Texte
wären eine Art Therapie für ihn. Er kann etwas daraus ziehen,
empfindet Leidenschaft und eine Verbindung."[10]
David: "Um ehrlich zu sein, glaube ich das nicht. Ich denke, er
ist sehr feinsinnig und weiß, dass einige der Dinge, über die er schreibt,
uns alle betreffen. Das ist die Art, auf die ich mich mit ihm verbunden
fühle, denn wir reden nicht sehr viel."[11]
Und natürlich wurden sie immer wieder auf die Devotional-Tour
und deren Folgen hin angesprochen.
Martin: "Am Ende hatte Alan offenbar genug. Er verließ die Band.
Andy musste die Tour verlassen. Er hatte schreckliche Depressionen.
Ich hatte nur zwei Anfälle. Dave hatte immer mal wieder Herzprobleme
und musste ins Krankenhaus. Es war einfach zu viel. Aber wir
konnten nicht einfach aufhören. Wenn man einmal eine Tour gebucht
hat, fühlt man sich dazu verpflichtet, sie auch durchzuziehen."[12]
Nachdem er unmittelbar nach Alans Ausstieg noch meinte, es sei das
Ende der Band, beteuerte er nun wiederholt, es habe nie einen Punkt
gegeben, an dem DM fast zerbrochen wäre.
"Es gab Zeiten, in denen wir dachten, wir würden
wahrscheinlich, aber wir haben in den schlechten Zeiten immer
zusammen gehalten, weil wir etwas Besonderes zusammen haben.
Am nächsten kam es, als wir in New York aufnahmen. Zwei Wochen
später wir hörten im Radio, dass Dave überdosiert hatte. Ich habe
viel nachgedacht, was wir mit der Band machen sollten, weil ich an
dem Punkt dachte, es wäre besser für Dave, es gäbe die Band
nicht mehr, weil sie ihm nicht gut tat."[13]
Immerhin nahm er in Bezug auf eine mögliche Tour
Rücksicht auf David:
"Wir haben beschlossen, es erst mal nicht zu machen. Ich
denke auch nicht, dass es ein gesundes Umfeld für Dave wäre, mit
seinem Problem. Er langweilt sich in den 22 Stunden, in denen er
nicht auf der Bühne ist. Und wenn er sich langweilt, fängt es an,
schwierig zu werden."[14]
(mit freundlicher Genehmigung von © Andrew Van Wart)
Geradezu verzweifelt versuchten vor allem Martin und Fletch die Aufmerksamkeit
auf das neue Album zu lenken.
Martin: "Ich muss zugeben, als ich im Radio hörte, dass Dave
überdosiert hatte und verhaftet wurde, dass ich dachte: Es ist
sinnlos, es ist Zeit, es aufzugeben. Dieses Projekt wird nie
fertig werden. Aber jetzt bin ich sehr zufrieden, dass wir ihm
diese letzte Chance gegeben haben. Und ich denke, es war wirklich
die letzte Chance, weil er uns davor so oft hängen gelassen hat.
Jetzt zieht er es durch, und die letzten sechs Monate waren wirklich
gut."
Fletch: "Wir haben mehr Presse durch Daves Selbstmordversuch und
Überdosis bekommen als in unserer ganzen Karriere. Wir hatten
eine Doppelseite in der Sunday Times! Jetzt, da wir versuchen,
mit unserer Musik in die Sunday Times zu kommen ..."
(Martin lacht.)
Fletch: "Aber Dave stirbt fast und gewinnt die Sache."
Martin: "Eine Sache, an die wir immer denken sollten, ist, dass
Dave und Drogen nur eine kleine Facette dieser Band sind. Es ist
ein großer Teil in Daves Leben, natürlich, es bringt Schlagzeilen,
aber es wird immer überfokussiert. Es gibt noch viele andere
interessante Facetten an dieser Band ..."
Fletch: "Nicht viele."
Martin: (lacht) "Wir konnten die Leute für Daves Drogenprobleme
interessieren, aber wir hoffen, es interessiert sie auch, dass
wir das Album fertig haben."[15]
Am 16.06. erschien die Single Home und am 20.10.
Useless. Ob das wirklich jemanden interessiert hat - außer den
Fans - wage ich zu bezweifeln. Es gibt kaum einen Artikel nach 1995, der
nicht Devotional und / oder Alans Ausstieg beinhalten würde.
David steuerte einen Coversong - A Song For Europe - zu dem Sampler
Dream Home Heartaches bei, der am 04.09. erschien.
Die Band versuchte natürlich trotzdem über Musik zu reden.
Martin: "Der Titel - Ultra - passt wirklich zu unserem neuen
Line-Up. Wir haben unterwegs ein Mitglied verloren, und das ist jetzt die neue,
verbesserte, verschlankte Version." (lacht) "Ich denke, es ist ein großartiger,
positiver Titel.[16] Ich denke, dieses Album hat am wenigsten religiöse Bezüge.
Es ist nicht wie Songs Of Faith And Devotion. Ich denke, Religion ist
eines der Dinge, die wichtig sind, sodass man es immer mal wieder anschneidet.
Aber ich denke, wir haben das in der Vergangenheit genug abgehandelt.
Ich versuche es ganz bewusst zu vermeiden. Es ist zu einfach für mich,
immer wieder über Religion zu schreiben, weil mich dieses Thema so fasziniert.[17]
Barrel Of A Gun handelt davon, dass man versteht, worauf man aus ist,
dann aber realisiert, dass man nicht in das Schema von jemandem passt.[18]"
David: "Der Song fasst das zusammen, wie ich mich selbst und alle
Menschen um mich herum behandelt habe. Das ist das, was das Leben jeden Tag
für mich bereit hielt. Es ist eine sehr bedeutende Aussage. Wenn man sich in
so einem Aufruhr befindet, ist das letzte, woran du denkst, sterben."[19]

Zum Glück entspannte sich die Lage zum Ende des Jahres hin wieder
etwas.
David: "Das Video zu Barrel Of A Gun haben wir in Marokko
gedreht. Das Interessante daran ist, dass man mir Augen auf die Augenlider
gemalt hat. Da ist eine Mauer rund um diese alte Stadt, und die
benutzen die Marokkaner als Badezimmer. Es ist ein Ort, wo sie zum
Sch*** und so hingehen, weißt du? Ich sollte an der Mauer entlang
gehen ... und sie sagten mir, wo ich lang gehen sollte, weil ich
ja die Augen geschlossen halten musste, also so links ... rechts
... Ich bin durch dieses Zeug gelaufen, diese Sch***! Das war sehr
lustig für Anton [Corbijn] und Richard [den Produzenten] ... It's No Good
ist vielleicht das lustigste Video, das wir je gemacht haben. Anton hat es
total ins Extrem gezogen. Es hat mir Spaß gemacht diese Rolle zu spielen, die
Anton sich ausgedacht hatte – der frühere Rock'n'Roll-Star, der darin endet,
sich selbst darstellen und dabei immer noch denkt, dass er größer und
bedeutender ist als das Leben selbst."[20]
Bei einem Radiointerview kam Wildes zu Tage ...
Moderator: "Du hast einen Ring in deinem Skrotum? Ich hoffe, du
warst auf Drogen, als du das hast machen lassen!"
David: "Nein, war ich nicht, und es hat echt weh getan!"
Moderator: "Also wirklich, Dave! Was für eine Überraschung!"
(lacht)
David: "Es ist nicht direkt in meinem Skrotum, man nennt das Ding
Guiche, und es ist ... wie heißt die Stelle dazwischen?[21]
Also, es ist das Stück Haut, dass Männer zwischen E*** und A*** haben,
diese sehr schmale Stelle."[22]
Moderator: "Ja ... aber das klingt nicht viel besser oder weniger
schmerzhaft."[23]
David: "Es heißt, dass man dadurch mehr sexuelle Energie bekommt,
aber es war die schmerzhafteste Sache, die ich je gemacht habe. Ich war auf
allen Vieren, und das Mädchen, das das machte, starrte die ganze Zeit auf
meinen A***, während sie das Piercing vorbereitete.[24] Und es war, äh ...
ich wurde angezählt '10-9-8-7-6-' ... BAAANNGG! Es war, als würde mich jemand
sehr, sehr hart treten. Ich hatte das verdient!" (lacht)
Moderator: "Und du hast es immer noch?"
David: "Ja. Und es macht echt Spaß. Hey, wenn du das machen kannst,
kannst du alles machen.[25] Ich denke, ich habe meinen S*** danach wochenlang
nicht anfasst und konnte sechs Monate lang nicht auf harten Stühlen sitzen,
obwohl ich es jedem zeigte.[26]" [Ehrlich gesagt, möchte ich mir die Szenen, in
denen er jedem den Guiche vorführte, nicht vorstellen ...]
1994, als der Guiche gemacht worden war, erzählte David, dass er ihn
nach seiner Hochzeit mit Theresa hatte machen lassen, weil er einen Ring
wollte, aber keinen Ring tragen wollte.
Inzwischen hat er ihn übrigens nicht mehr. In einem späteren
Interview erzählte er, er habe ihn heraus genommen,
nachdem ihn eines seiner Kinder fragte, weshalb er einen Ohrring
im A*** habe. "Aber die Löcher sind noch da - du kannst nachschauen,
wenn du willst." (lacht)[27] [Äh, nein danke.]
(Unpretty: Luscious Apparatus - mit freundlicher Genehmigung von © Fury Harbinger)
Am 13.10. erschien die Recoil-Single Drifting, der am
27.10. das Album Unsound Methods folgte, das Alan in seinem
eigenen Studio The Thin Line aufgenommen hatte.
Er präsentierte sich nun als Familienvater mitsamt Ehefrau und Tochter
Paris, die beide im Video zu Drifting mitspielten. Allerdings gab
er auch zu, davor eine sehr schlechte Zeit gehabt zu haben.
Alan: "Ich war vollkommen ausgebrannt. Es gab ein paar Dinge in
meinem Leben, die ich ändern musste - sehr wichtige Dinge. Ich wurde
geschieden, ich wurde Vater, ich verließ die Band ... eine Menge
entscheidender Dinge passierten - und als ich diesen Tunnel
schließlich hinter mir hatte, war ich sehr viel glücklicher als
vorher. Das war ein guter Moment, um wieder kreativ zu arbeiten.
Mein Enthusiasmus war zurück."[28]
Er begann mit der Arbeit "letzten September und ich wurde im Juni fertig, also
dauerte es alles in allem neun Monate - mit einer Reihe von Unterbrechungen.
Grundsätzlich bin ich sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Ich denke, es ist die
konzentrierte und kompletteste Sache, die ich je gemacht habe. Es gibt da diese
Seite an mir, die immer meint, ich könnte es noch besser machen, aber ich denke,
das ist eine natürliche Reaktion. Man hat immer das Gefühl, man könnte noch mehr
und das viel besser machen."
Es war wichtig für ihn, mit neuen Leuten zu arbeiten, sehr unterschiedlichen
Musikern, um neue Bereiche zu erkunden. "Bei Depeche Mode haben wir die meiste
Zeit nicht als Gruppe gearbeitet und wir haben kaum andere Leute eingebracht.
Beim letzten Album hatten wir ein paar zusätzliche Musiker dabei, aber das war
auch das einzige." Nun "kann ich andere Leute einbinden und immer versuchen,
jemand Neues zu finden, mit dem ich arbeiten kann, und ich denke, es ist eine
echte Herausforderung. Es lässt einen anders an die Dinge herangehen, wenn
man mit einem Fremden arbeitet, jemand neues. Ich mag es, mich dieser
Herausforderung zu stellen und jedes Mal neue Leute zu finden."[29]
Für Unsound Methods arbeitete er mit verschiedenen Sängern zusammen und folgte - wie er sagte - seinen eigenen musikalischen Instinkten. "Mein Ausgangspunkt ist oft eine Kombination von verschiedenen Sounds, die ein bestimmtes Gefühl erzeugen. Ich bastele so lange daran herum, bis das Stück ein Konzept ergibt, das mir so eingeht, dass sich daraus eine Richtung entwickelt. Dann lege ich es aber erst mal beiseite und arbeite an anderen Songs, bis ich ein übergreifendes Konzept habe. Nun bringe ich die Musik an einen Punkt, der die Atmosphäre präsentiert, die ich kreieren will, und an dem ich sie den Sängern vorstellen kann. Ich suche nach Sängern, die etwas Besonderes und Einzigartiges darstellen oder besonders kraftvolle Sänger sind. Siobhan Lynch kam über ein Demoband zu Unsound Methods. Ich mochte ihre leicht verzweifelte Stimme sogleich. Außerdem lud ich Doug McCarthy wieder ein, der ja schon auf der vorherigen Recoil LP und der Single Faith Healer gesungen hatte, zum Teil, weil ich wusste, dass er zu den beiden Songs passen würde, die ich für ihn vorgesehen hatte und weil er jemand ist, mit dem man sehr einfach zusammenarbeiten kann. Er war ja bei Nitzer Ebb und wir hatten uns angefreundet, als sie DM auf der Masses-Tour und der Worldviolation begleiteten. Maggie Estep, eine Spoken-Word-Künstlerin aus New York, kam hinzu, nachdem ich eine Weile ohne Erfolg nach einem guten Rapper gesucht hatte. Sie ist natürlich kein Rapper, und am Ende passte sie weit besser zu dem Projekt als gedacht. Auch stellt sie einen Kontrast zu den anderen Sängern dar. Hildia Cambell war eine der Gospel-Sängerinnen, die DM auf der Devotional begleitet hatten. Ich habe jeden Song mehreren Sängern gegeben, um zu sehen, welche Stimme am besten zu welchem Song passt. Ich hatte dann verschiedene Interpretationen, die ich manchmal auch gemischt habe."[30]
Es gab jedoch kaum ein Interview, indem nicht DM erwähnt worden wäre.
So wurde er natürlich gefragt, was er von Ultra hielte.
Alan: "Ich kann es mir nicht auf die gleiche Art anhören, wie,
wenn ich daran beteiligt gewesen wäre. Aber ich empfinde keinen
Drang danach, daran beteiligt gewesen zu sein, und es tut mir auch
nicht Leid, die Band verlassen zu haben. Es ist schwierig für mich,
dieses Album zu kommentieren ... aber man kann es sich vielleicht
selbst beantworten, was ich darüber denke, wenn man erst
Unsound Methods hört und dann Ultra.
Denn die beiden Alben sagen einem
alles, was man über die musikalische Beziehung zwischen mir und
Martin wissen muss. Es sind zwei Extreme, die sich zuvor in der
Band vereinten."
Was Recoil anbelangte, musste er schon zu diesem frühen Zeitpunkt
feststellen, dass es nicht so leicht sein würde, damit Erfolg zu haben.
Alan: "Es ist offensichtlich, dass ich nicht versuche, eine
kommerzielle, radiofreundliche Platte zu machen. Aber natürlich
kann es frustrierend sein, wenn man versucht, den Leuten die Musik
nahe zu bringen, und die Reaktion, die man bekommt, ist: Oh, das
ist schwierige Musik für verrückte Leute."[31]
Während ich auf Anfragen bezüglich einer Erlaubnis zum Einfügen von
Ausschnitten aus Depeche-Mode-Songs nie eine Antwort erhalten habe,
erlaubte Alan mir dies in Bezug auf Recoil-Songs.
Dies ist ein Ausschnitt aus Incubus:
(mit freundlicher Genehmigung von © Recoil / Alan Wilder)
Quellenangaben:
[1] Pavement, 16.04.1997. Autor unbekannt
[2] Depeche Mode: Respect To The Originators, unbekanntes Medium und Datum. Text: René Passet
[3] Tears of my Tracks, Q, März 1997. Text: Phil Sutcliffe
[4] Dave's Addiction, Spin, Mai 1997. Text: Barry Walters
[5] Synth and Sensibilities, NME, 25.01.1997. Text: Keith Cameron
[6] Dead Man Talking, NME, 18.01.1997. Text: Keith Cameron
[7] K-ROQ FM, L.A., Februar 1997, DJs: Kevin and Bean
[8] Synth and Sensibilities, NME, 25.01.1997. Text: Keith Cameron
[9] They Just Couldn't get Enough, Q, März 1997. Text: Phil Sutcliffe
[10] Pavement, 16.04.1997. Autor unbekannt
[11] Many Smack-Free Returns! Q, Juni 2001. Text: Dorian Lynskey
[12] Pavement, 16.04.1997. Autor unbekannt
[13] It's a Mode Mode Mode Mode World, Hits, 28.04.1997. Text: Janet Trakin
[14] Ultra Sounds, Guitar World, Mai 1997. Text: Alan di Perna
[15] Synth and Sensibilities, NME, 25.01.1997. Text: Keith Cameron
[16] Synth and Sensibilities, NME, 25.01.1997. Text: Keith Cameron
[17] Ultra Sounds, Guitar World, Mai 1997. Text: Alan di Perna
[18] Synth and Sensibilities, NME, 25.01.1997. Text: Keith Cameron
[19] It's a Mode Mode Mode Mode World, Hits, 28.04.1997. Text: Janet Trakin
[20] Interview with Depeche Mode, The Videos 86>98, Mute MF033 und Videos 86>98+, Mute MF042. Regisseur: Sven Harding
[21] K-ROQ FM, L.A., Februar 1997, DJs: Kevin and Bean
[22] Cash for Questions: Dave Gahan, Q, Juni 2003. Text: Paul Stokes
[23] K-ROQ FM, L.A., Februar 1997, DJs: Kevin and Bean
[24] Cash for Questions: Dave Gahan, Q, Juni 2003. Text: Paul Stokes
[25] K-ROQ FM, L.A., Februar 1997, DJs: Kevin and Bean
[26] Cash for Questions: Dave Gahan, Q, Juni 2003. Text: Paul Stokes
[27] Cash for Questions: Dave Gahan, Q, Juni 2003. Text: Paul Stokes
[28] Orkus Magazine, Nov 1997, Collette Stritzke
[29] Chatting with Alan Wilder, September 1997. Text: Hendrik Wittgren
[30] recoil.co.uk
[31] Unsound Recordings, Sound On Sound, Januar 1998. Text: Bill Bruce
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