1993
Übersicht: Veröffentlichungen in diesem Jahr waren die Single I Feel You, das Album Songs Of Faith And Devotion sowie zwei weitere Singleauskopplungen: Walking In My Shoes / My Joy und Condemnation, weiterhin der Konzertfilm Devotional und das Album Songs Of Faith And Devotion Live.
Am 16.01. heiratete Fletch nach 15 Jahren Beziehung seine Freundin
Grainne.
Am 15.02. erschien die Single I Feel You, der am 22.03.
das Album Songs Of Faith And Devotion (SOFAD) und am
16.04. die Single Walking In My Shoes / My Joy folgten.
Die Band bemühte sich darum, über das neue Album zu reden und die
Aufmerksamkeit darauf zu lenken.
Alan: "Es ist ein anderes Album, daran gibt es keinen Zweifel.[1]
Ich kann absolut nicht zustimmen, wenn es heißt, SOFAD sei ein
düsteres Album - es ist vielmehr das einzige DM-Album, dass einem ein
wirklich positives Gefühl vermitteln. I Feel You zum Beispiel, oder
Higher Love, Rush etc., sie sind alle sehr positiv.
Wenn ich mich recht erinnere, dann war jeder der Meinung, dass
I Feel You the erste Single sein sollte. Der Hauptgrund dafür
war, dass dieser Song so total anders war als das, was wir vorher gemacht
hatten. Wir hofften, es würde die Leute überraschen und sie auf den Rest
des Albums neugierig machen.[2] Für mich ist Songs Of Faith And Devotion
ein sehr komplexes Album. Es war manchmal die Hölle, es aufzunehmen. Wenn man
in diese Situation ist, sieht man nicht, wie gut es ist. Man kann sich das nicht
vorstellen, wenn die Dinge schlecht laufen und jeder jeden hasst. Man denkt
nur, dass einen alles und jeder nervt. So sieht man es erst im Rückblick, wie
gut es ist.[3]"
David: "Es ist immer noch eines meiner Lieblingsalben. Wir versuchten
uns geradezu verzweifelt, herauszufordern und aus allem auszubrechen, was
wir bei Violator gemacht hatten, ein Album, das sehr kontrolliert war,
sehr poliert, sehr sauber - ein perfektes Popalbum. Wir wollten all das
hinwegfegen."[4]
Zwar war Alan grundsätzlich mit dem Artwork für das Album
einverstanden, dies betraf aber nicht das CD-Cover: "Ich muss zugeben, dass es
nicht gerade eines der tollsten Cover ist, aber niemand wollte Antons Gefühle
verletzen, nachdem man ihm den Job ja schon gegeben hatte. Eines seiner
größten Probleme ist, dass er recht unflexibel ist, wenn er erst einmal eine Idee
hat. Was die Ausgestaltung von Covern angeht, so denke ich, dass Anton sich da
lieber auf seine Fotographie konzentrieren sollte (was er wirklich gut kann) und
die Ausgestaltung des Layouts lieber jemand anderem überlassen sollte."[5]
Martin: "Anton meinte, dass die Musik menschlicher geworden sei, und dass
wir daher unsere Bilder für das Cover benutzen sollten. Wir waren nicht allzu
begeistert davon, aber wir sagten ihm, falls er eine gute Idee hätte, würden
wir darüber nachdenken. Er kam dann mit einem Design, das unsere Gesichter
zeigte, sie aber undeutlich genug waren, um unseren Geschmack zu treffen."[6]
Alan: "Walking In My Shoes war wohl das surrealste Video, das Anton je
gedreht hat und die Aufnahmen dazu waren eine seltsame Erfahrung für uns.
Ich erinnere mich, wie merkwürdig es war, von all diesen Gestalten umgeben zu
sein - besonders bei den Mahlzeiten. Ich musste grinsen, als ich neben einem
dieser Typen stand, der aussah wie ein fleischgewordener Gothic Alptraum, und
ihn zu einer der Kellnerinnen sagen hörte: Hast du etwas Ketschup, Liebes?"
(mit freundlicher Genehmigung von © Marcin Ostrowski)
Sie bereiteten sich auf die längste Tournee ihrer Karriere vor,
obwohl sie nicht sicher waren, ob David sie durchhalten würde.
Alan: "Es gab eine Reihe von Meetings, in denen wir Daves Drogensucht
thematisierten. Wir sagten zu Dave, dass er clean werden müsse, ansonsten
würden wir nicht eine so lange Tour machen. Er stimmte dem zu."[7]
Offenbar schenkten sie seinem Versprechen Glauben und planten die Tour.
David: "Ich mag es, ein Leben abseits
der Musik zu haben, aber zugleich brauche ich auch das andere.
Meine Frau unterstützt mich da voll und ganz, auch, wenn wir uns
eine Weile nicht sehen. Was wir haben, ist viel stärker als das."
Alan: "Meine Frau und ich sind schon lange zusammen, und es ist
normal geworden. Es kommt ihr nicht komisch vor, wenn ich weg bin."[8]
Die Ehe sollte während der Tour zerbrechen, bei der Alan eine
Affäre mit seiner späteren zweiten Frau Hepzibah begann, damals
Violinistin bei der Vorgruppe Miranda Sexgarden.
Jeris Sohn Jason trat als Sänger
der Band Parallax als Opener für das DM-Konzert in Lieven auf.
Alan: "Parallax veröffentlichte einige Singles bei Mute, ehe sie
ihren Namen in Hoodwink änderten, die ebenfalls ein oder zwei Singles
veröffentlichten. Sie haben es nie geschafft, ihr Debütalbum fertigzustellen
und sind nicht länger bei Mute."[9]
David (darüber, wie es sich anfühlt, wenn man versucht, in den
Alltag zurückzufinden, nachdem man vor so vielen Fans spielte):
"Man lebt in einer kleinen Welt, so lange man auf Tour ist. Man
fängt an, ein bisschen verrückt zu werden ... und dann gehst du
plötzlich in den Supermarkt, um einzukaufen."
Martin: "Man muss schon zurückfinden in die Realität."
Alan: "Man rennt im Zimmer herum und hasst es, sich mit jemandem
zu unterhalten. Dann realisiert man, dass der Grund dafür ist,
dass man glaubt, man sei auf der Bühne."[10]

Manche Reporter bekamen offenbar wenig von den Spannungen innerhalb
der Band mit und konzentrierten sich lieber darauf, die ewig
gleichen Fragen an Martin zu stellen - ob er SM praktiziere, ob er
nicht vielleicht doch schwul sei und ob er Pornographie möge.
Martin: "Ich habe immer versucht, alles aus persönlicher Sicht zu
schreiben. Ich finde nichts von dem, was ich schreibe, pervers.
Ich mag die Vorstellung von SM, die Clubs und so, aber ich
glorifiziere das nicht. Auch auf dem neuen Album ist es ein Thema.
Wir hatten da jemanden, und es war wirklich lustig, weil er auch über
Thema Perversion sprach. Wir spielten ihm vier oder fünf
Songs vor, und wir kamen zu One Caress mit: Well, I'm down on
my knees again, und er sagte: oh, gut!" (lacht)
"Ich denke, 70 % der Songs handeln von Sex oder berühren Sex. Ich persönlich
finde das wichtig. Ich finde es erstaunlich, wenn ich mit Leuten rede,
die das als zweitrangig einstufen. Für mich ist das nicht
zweitrangig.[11] Vielleicht ist das sehr naiv, aber die einzige
Religion für mich ist Liebe. Ich glaube an die Liebe. Deshalb
berühren unsere Songs Liebe, Sex und Religion, für mich sind das
dieselben Dinge.[12] Wenn ich meine eigenen Texte lese, verstehe
ich allerdings, warum die Leute denken, ich wäre dunkel, depressiv
und pervers.
Themen mit SM-Bezug kommen so oft in meinen Songs vor, dass ich es mich
wohl interessiert, aber ob ich es ausübe, ist meine Privatsache. ...
Wenn Pornographie gut gemacht ist, mag ich sie. Es erstaunt mich immer,
dass Pornographie so schlecht gemacht ist. Wenn es gut gemacht ist ...
Man muss da immer auf seine Worte achten. Das ist sehr dünnes Eis.
Ich denke schon, dass ich das Androgyne mag. Vielleicht hat es
etwas mit meiner Abneigung gegen das Normale zu tun. Ein Machoimage
finde ich langweilig. Ich denke, viele Leute denken, ich sei
schwul, was mich nicht beleidigt oder in irgendeiner Form
beunruhigt. Die Leute können denken, was sie wollen.[13]"
Und hier noch ein paar Antworten von Martin, die in Bezug auf die
Zukunft durchaus lustig oder bezeichnend sind.
Frage: "Hast du manchmal die Schnauze voll von DM?"
Martin: "Ja."
Frage: "Was würdest du tun, wenn einer der drei anderen die Band
verlassen würde?"
Martin: "Aufgeben."
(Wir wissen alle, dass er es nicht tun würde.)
Frage: "Würdest du es bevorzugen, wenn die anderen auch Songs
schreiben würden?"
Martin: "Ich mag es, die Kontrolle über die Musik zu haben."
(Und wir wissen, dass er auch hier nachgeben würde.)
Frage: "Ohne was könntest du nicht leben?"
Martin: "Sex und Alkohol."[14]
(Ich weiß nicht, wie es mit dem Sex ist, aber das Trinken hat er
mittlerweile aufgegeben - und er lebt noch. ;))
Und noch drei andere interessante / lustige Aussagen:
Martin: "Ich bin nur bei Musik wirklich leidenschaftlich. Ich
langweile meine Freunde zu Tode mit Musik! Ich lade oft Freunde
ein, und ich betrinke mich, und ich spiele jede meiner
Lieblingsplatten. Am Ende der Nacht kriecht jeder ins Bett, und
ich sage immer noch: Aber du hast diese noch nicht gehört!"[15]
Fletch: "Ich denke, wir haben viel von unserem naiven Enthusiasmus
verloren. Man wird erfahrener, aber du verlierst den Enthusiasmus.
Daher werden wir in den nächsten zehn Jahren nicht mehr so viele
Platten machen. Es wird auch nicht mehr so viele Tourneen geben."[16]
Fletch erzählte den anderen von den Budgetvorschlägen für das nächste
Video.
David: "Wie viel?"
Fletch: "Hunderttausend."
David: "Pfund oder Dollar?"
Fletch: "Pfund."
David: "Heilige Sch***!"
Fletch: "Und es ist bloß schwarz-weiß!"[17]

Einige Leute merkten jedoch, dass etwas im Busch war und
stellten Fragen in Richtung, ob denn nicht mal jemand von ihnen
keine Lust mehr auf die Band hätte.
Alan: "Ich denke, die meisten erfolgreichen Gruppen haben so was
wie eine besondere Chemie. Und ich bin sicher, wir haben das. Aber
wir haben auch die typischen Probleme, man hört nur nichts darüber.
Man hat immer interne Streitereien und interne Probleme. Es gibt
keine Gruppe, die das nicht hat, und wir sind da nicht anders, aber
wir neigen dazu, das privat zu händeln, weil es nicht für andere
Ohren bestimmt ist."
Martin: "Ich denke ... wir haben natürlich unsere
Meinungsverschiedenheiten, und nach 13 Jahren kennt man die anderen
so gut, und wenn es Meinungsverschiedenheiten gibt, kann man
voraussehen, wie sie ablaufen. Aber ich denke, wir kommen so gut
klar nach 13 Jahren, wie man eben klar kommen kann ... Das hört
sich schlimm an, aber wir kommen gut klar."
David: "Um ehrlich zu sein, ich finde es ein bisschen
schade, dass ich den Leuten, mit denen ich arbeite, und seit Jahren arbeite,
nicht so nahe gekommen bin wie ich es gern wäre. Es würde mir
gefallen, wenn ein paar Dinge, die wir getan haben, anders gewesen
wären ... weißt du, unsere Beziehungen. Für mich ist sehr wichtig,
was wir haben, die ganze Atmosphäre, die DM kreiert, wenn wir in
einem Raum zusammen sind. Genauso wie ich es manchmal hasse, liebe
ich es auch. Und ich liebe jede einzelne Person."[18]
David gab nun zu, dass seine Ehe mit Jo im Grunde von Anfang an
schief gelaufen war und sich dann immer weiter verschlechtert hatte:
"Ich denke, ich war ein besch*** Typ. Ich war mit meiner Ex-Frau,
Joanne, sehr lange zusammen, wir waren wirklich gute Freunde, und
das hat sich hauptsächlich meinetwegen verschlechtert. 90% davon
kommen von mir. Aber jetzt weiß ich, dass es so enden musste ... Es
gibt einen großen Unterschied zwischen dem, was du glaubst, das
Liebe ist, und dem, was wirklich Liebe ist."
Jetzt - so behauptete er - sei er überglücklich mit Theresa, sprang
aber im nächsten Moment zu seinem Sohn: "Es ist schwierig für mich,
darüber zu reden, weil ich noch nicht über die Tatsache hinweg bin,
dass ich jetzt Teilzeitvater bin. Mein Vater verließ mich und meine
Schwester, als wir sehr klein waren ... und ich habe jetzt das
Gleiche mit meinem Sohn gemacht.[19] Ich bin deswegen sehr traurig. Ich
wollte ihn beeinflussen, aber ich bin nicht da, nicht wirklich,
weißt du? Ich wollte nicht, dass er mit den gleichen Gefühlen
aufwächst, die ich hatte, als mein Stiefvater starb, mich fragend,
was passierte. Ich will, dass Jack weiß, dass er einen Vater hat.[20]
Aber ich bin entschlossen, trotzdem Einfluss auf sein Leben zu
nehmen, mich einzumischen. Ich werde ihn nächste Woche sehen.
Ich werde in seine Schule gehen, mit seinen Lehrern reden und
all das. Und Joanne geht wirklich gut damit um. Sie versteht,
wie wichtig es für mich ist, ihn zu sehen, und dass Jack mich
sehen kann. Sie geht wirklich gut damit um. Was ich hoffe, was
ich wirklich hoffe, ist, dass sie jemanden trifft und sich verliebt
und realisiert, dass wir uns wahrscheinlich nie geliebt haben. Das
wäre das Beste für mich, weil ich mich dann nicht mehr so schuldig
fühlen würde ...[21]"
Ein Journalist wagte es zu fragen, ob zu seiner Vergangenheit -
etwas naiv, aber vermutlich wollte er vorsichtig sein - Alkohol
und Drogen gehört hätten.
David (hörte natürlich nur das, was er hören wollte): "Alkohol? Ja.
Wenn man in einer Band ist, bist du in einer Gang. Und wenn man
ausgeht, kriegt man alles. Und du tust es."
Und auf die Frage, ob er drogenabhängig gewesen sei: "Mmmmm. ...
Nicht wirklich. Nein, nein. Ich habe zu viel getrunken, aber das
ist wohl das, was die meisten Leute in dem Alter tun."[22]

Derweil arbeiteten Alan und Toningenieur Steve Lyon unter Hochdruck an den
Tapes für die Tournee. Sie arbeiteten allein, ohne die anderen Bandmitglieder.
Erst in London, dann in Alans eigenem Studio - The Thin Line.
Alan: "Während bei den früheren Tourneen einige recycelte Songs
verwendet wurden, wurden die Live-Versionen bei der Worldviolation und der
Devotional komplett neu erarbeitet. Alle Live-Versionen habe ich allein
umgearbeitet, wohingegen die Setlisten und die Auswahl der Songs eine
gemeinsame Entscheidung waren. Es ist eine Menge harter
Arbeit und beinhaltet, die Songs ganz anders zu sehen, als sie auf dem Album
zu finden sind. Aber es hat auch Spaß gemacht. Meine Motivation war es, an
den älteren Songs zumindest Freude zu haben, wenn ich sie schon 18 Monate
lang spielen muss.
Leider hat das Zusammenstellen der Devotional-Show weit mehr Zeit gekostet,
als ich oder Steve das angenommen hatten. Es gibt auch noch eine Million
anderer Dinge, die dabei bedacht werden müssen, etwa, was auf den
Backingtapes sein soll und was live gespielt wird, wer welche Teile spielt oder
welche Auswirkungen das darauf hat, wie ich die Keyboards programmiere (allein
das ist ein Alptraum!). Es gab auch viel im Bezug auf die Setlisten zu bedenken,
damit man nicht 15 Monate Langeweile hat. Man muss auch die
unterschiedlichen Geschmäcker in den unterschiedlichen Ländern
berücksichtigen. Somit hatten wir vier Setlisten - rot, grün, gelb und blau - alle
mit einer ähnlichen Struktur, aber mit Variationen bei den Balladen und den
Zugaben.
Als wir anfingen, wussten wir, dass wir nicht viel Zeit hatten, und es half
nicht gerade, dass der Roland Sequencer dauernd Probleme machte. Eines Tages
gab er dann den Geist auf. Die Maschine kam nicht mit diesen Unmengen an
Daten klar, die wir dauernd da durchschickten - und wir verloren alles.
Dreieinhalb Monate Arbeit umsonst. Zwar hatten wir einige Backups erstellt,
aber alle Editierungen waren weg."[23]
Nun hatten sie nur noch zwei Wochen, um fertig zu werden, und mussten Tag
und Nacht durcharbeiten, um den Termin halten zu können.
Am 19.05 startete die Devotional-Tour, die sich in fünf Teile gliederte. Man
begann mit dem europäischen Teil, der
41 Konzerte umfasste und am 31.07. in London endete.
Martin: "Davor waren wir eine Gang von vieren, wir gingen zusammen
aus und so, und das fand dann nicht mehr statt. Dave war definitiv für sich,
Alan war definitiv für sich."
Fletch: "Und wir machten trotzdem diese anderthalbjährige Tournee,
direkt nach dem Album ... und dann ... Es waren wahrscheinlich die
schlimmsten zwei Jahre unseres Lebens."
Martin: "Ich ging da durch und dachte: Was mache ich? Was ist der
Sinn hinter all dem? Das soll Spaß machen, aber niemandem scheint
es Spaß zu machen."[24]
Es war nicht nur eine sehr ausschweifende Tour, es war auch eine andere Tour,
anders im Vergleich zu den Tourneen vorher. So fügte David seinen
Bühnenelementen das Stage Diving hinzu.
Alan: "Ich denke, Dave hatte einen sehr anstrengenden Job. Jede Nacht
musste er das Publikum unterhalten. Daher denke ich, dass es unfair wäre, ihn
für das Stage Diving zu kritisieren, egal, wie klischeehaft es auch sein mochte.
Er sagte nie, dass er vorhatte, es zu tun, aber man konnte sehen, dass er
darüber nachdachte. Daher war es keine Überraschung, als er es dann wirklich
tat."
Und es war eine Tour, bei der man Alan am Schlagzeug sah.
"Das Schlagzeugspielen war noch das, was mir am meisten Spaß gemacht hat.
Ich hatte speziell für die Devotional Tour angefangen, Schlagzeug zu üben, weil
ich eine neue Herausforderung auf der Bühne suchte und Veränderungen in der
Live-Show herbeiführen wollte."
Aber er mochte es - selbstredend - nicht, dass ihn fortan einige
Journalisten als den "Schlagzeuger von Depeche Mode" bezeichneten. Denn
natürlich spielte er nicht bloß Schlagzeug, sondern war der musikalische
Direktor und spielte auch Keyboard, wobei "ich viele verschiedene Parts zu
spielen hatte, die sich mitunter auch überschnitten, was dann dazu führte, dass
ich einen Teil mit der linken Hand oben am Keyboard spielte, gleichzeitig einen
Teil mit der rechten Hand unten und mit dem Fußpedal eine Einstellung
änderte."[25]
David: "Es ist ein total anderes Gefühl. Alan spielt jetzt viel mehr
Schlagzeug auf der Bühne. Er ist direkt hinter mir, ich kann ihn spüren, ihn
hören. Martin spielt direkt neben mir Gitarre. Wir wollten unsere Songs mehr
betonen, mit mehr Energie, die direkt von der Band kommt und nicht so viel mit
dem Drumherum zu tun hat. Das macht sehr viel mehr Spaß."[26]
(mit freundlicher Genehmigung von Alan Wilder)
Der Journalist Gavin Martin begleitete DM ein paar Tage auf der
Tournee (was auch immer sie sich dabei gedacht haben mögen) und
veröffentlichte zwei lange Artikel darüber in der
NME. Sie sind so ziemlich das Traurigste, was es je über DM zu
lesen gab, und geben vermutlich den genausten Einblick (von außen) in diese
Zeit. (Allerdings sollte man wohl bedenken, dass es eine subjektive Sicht
der Dinge ist.)
David Gahan ist atemlos, total aufgedreht, so kurz nach dem
Auftritt vor 25.000 Leuten in Budapest.
(Man bedenke, dass das Konzert
in Budapest im Juli 1993 stattfand, also im ersten Leg der Tour.)
Gahans privater Umkleideraum hat sich eine dunkle Höhle verwandelt. Kerzen
brennen auf dem Tisch. Laute Musik dröhnt aus den Lautsprechern.
Dazu Räucherstäbchen, ein roter Teppich. Alles, was ein Mann
braucht, um die Rolle eines Rockgotts zu spielen - oder es
versucht. David hat das alles, und ein paar Probleme. Seine
"Probleme" sind DMs schmutziges, kleines Geheimnis geworden -
jeder weiß es, keiner redet darüber. David selbst redet darüber
nur in vagen Andeutungen.
Er sieht nicht gerade gesund aus.
Seine Haut ist beinahe grau, die Augen eingesunken, die
Tätowierungen bedecken die Arme, aber die Innenseiten seiner
mageren Arme sind zerkratzt.
[...]
Der Song Wings von Jane's Addiction plärrt aus seinem Ghettoblaster.
"Jeder kann Flügel für eine Nacht haben. Das ist ein großartiges Gefühl, und
dies ist wohl mein Lieblingssong für alle Zeiten. Jeder hat Flügel. Man
muss nur fliegen", sagt David.
Wann hast du deine letzte Tätowierung machen lassen?
"Vor zwei Wochen. Da wurde erst ein Teil gemacht und dann musste es etwas
heilen und dann ging ich hin und ließ den Rest machen. Aber ich musste es
machen lassen, wir hatten es gemalt und so ... Das sind meine Flügel, für
die Tournee ..." [er redet von seinem Rückentattoo] "Es ist wie meine
Waffe für die Tour - wenn man das tun kann, kann man nämlich alles tun.
Wenn man zehn Stunden da sitzt, um das eingestochen zu bekommen, kann man
alles machen."
Es hat also weh getan?
"Sehr. Für eine ganze Weile. Man kann sich so zwei Wochen lang nicht strecken.
Es hat mich fast umgebracht. Und dann hatten wir gerade Proben. Aber ich musste
das tun, ich musste es tun ..."
[...]
"Für mich ist es immer so, als würde ich vom realen Leben in einen
Film gleiten", sagt Martin über Tourneen. "Vom ersten Tag einer Tour
bis man wieder nach Hause kommt, kommt es einem so vor, als würde
man in einem Phantasieland leben."
Wie gehst du damit um?
"Ich persönlich akzeptiere es, versuche, so viel Spaß wie möglich im
Phantasieland zu haben und dann wieder zurück auf die Erde zu kommen."
Klingt so, als könntest du alles machen, weil es ein Phantasieland ist.
"Ja."
Gibt es Gefahren darin?
"Ich bin sicher, es gibt sie."
Was ängstigt dich?
Martin: "Ich denke, der Tod, aus einigen seltsamen Gründen. Tod
generell, besonders mein eigener Tod, das ist es, warum ich total
hypochondrisch bin. Ich weiß nicht, ob es normal ist, hypochondrisch
zu sein. Ich denke, für Männer ist es normal, Hypochonder zu sein.
Hin und wieder auf Tour habe ich diese Panikattacken, wenn ich
denke, mein Herz schlägt zu schnell, mein Puls fühlt sich seltsam
an, und ich denke, ich sollte lieber zum Arzt gehen, ich denke, ich
könnte jeden Moment sterben. Dann habe ich mit allen Männern auf
der Tour gesprochen, und alle haben das, alle meine männlichen
Freunde zu Hause haben das."
[...]
DM kehren in die Hotelbar zurück - ihr Basiscamp für die drei
Tage in Ungarn. Davor haben sie Tischfußball gespielt. Jetzt
ist es Zeit, sich mit etwas Gehaltvollem abzufüllen, bevor man
die Stadt unsicher macht.
Fletch tauscht Vorsicht und Yogatee (den er vor den Augen der
Fans backstage getrunken hat) gegen Lager. Als er das letzte
Mal auf Alkohol angesprochen wurde, signalisierte der
Presseoffizier ihm, er solle das Thema wechseln.
Alan, eher als ruhig bekannt, kippt ein paar doppelte Tequila.
Auch sein Gesicht zeigt die Spuren der Exzesse auf der Straße.
Als er das Hotel verlässt, um noch ein paar Tequila in einem
Club zu trinken, drückt sich eine Gruppe von ungarischen Fans
an die Fensterscheiben. Alan torkelt auf sie zu. "Haut ab! Geht
von dem Sch***fenster weg!"[27]
Hierzu erklärte Alan später: "Ich erinnere mich, dass ich durch die Straßen von Budapest regelrecht gejagt wurde. Es fing damit an, dass uns [Hepzibah und mich] ein paar Fans durch ein Fenster in einem Restaurant essen sahen und uns dann zum Hotel folgten, mich nach Autogrammen fragten. Dann wurde die Menge immer größer. Mein Bodyguard wurde nervös und sagte, wir sollten rennen, und wir rannten zurück zum Hotel mit einer Meute aufgeregter ungarischer Fans auf den Fersen. Als wir es in das Hotel geschafft hatten, schlugen sie von außen an die Fenster der Bar. Also ging ich raus und versuchte zu erklären, dass wir nicht die einzige Gäste in dem Hotel wären, aber ich würde ein paar Autogramme schreiben, wenn sie versprächen, uns in Ruhe zu lassen. Das wurde allerdings als: Alan Wilder sagte zu uns, wir sollten uns verp*** ausgelegt."[28]

Allerdings sollte man bei all diesen Ausschweifungen nie aus dem Blick verlieren,
dass es ihnen trotz allem gelang, eine professionelle Tour auf die Beine zu
stellen (zu spielen und durchzuhalten) und auch ihre Produkte zu verkaufen.
Sie gelangten dafür sogar zu einer gewissen Berühmtheit.
David: "Auf dem Höhepunkt unserer Partys war jeder in der Band auf
irgendwas. Wir wurden berühmt als die Band, die bis in die frühen Morgenstunden
feiern kann, aber trotzdem noch ihren Job auf der Bühne erledigt bekommt."[29]
Im August mischte Alan gemeinsam mit Steve Lyon das Live-Album ab
und den Sound für das Video, sodass er keinen Urlaub machen konnte.
Mit dem Konzert in Quebec am 07.09 begann der amerikanische Teil der
Tour, der 51 Konzerte beinhaltete und am 03.12. in Mexico City endete.
Zwischendrin erschien am 13.09. die Single Condemnation.
Alan: "In der üblichen Manie bestand die amerikanische Plattenfirma
darauf, One Caress als A-Seite zu veröffentlichen, woraufhin wir den
ganzen Tag in der Kälte verbrachten, um ein Video dafür zu drehen. Am Ende
entschieden sie, es nicht zu veröffentlichen."
Dieses Video wurde von Kevin Kerslake außerhalb von Chicago gedreht und
beinhaltete eine Reihe von Tieren und Insekten.
"Das einzig Lustige an der ganzen Sache war, als die Hälfte diese Kreaturen
in einen Baum flüchtete und die Crew den Rest der Nacht damit verbrachte,
sie wieder einzufangen."[30]
(Die Single-Version von Condemnation war von Steve Lyon und Alan bei
einer kurzen Tourunterbrechung in Paris abgemischt worden.)
Ebenfalls im September wurden David und der Sicherheitschef wegen
einer Schlägerei in Quebec verhaftet, jedoch am nächsten Tag freigelassen.
David: "Das Personal war sehr unfreundlich zu uns und wollte uns
rauswerfen. Wir versuchten zu erklären, dass wir Gäste in dem Hotel waren.
Es endete darin, dass ich einem der Typen eine reinhaute. Nichts wirklich
Dramatisches. Wir wurden nur verhaftet, das ist alles. Niemand wurde ernsthaft
verletzt."[31]
Im gleichen Monat waren Alan und Martin auf dem Weg in einen Kurzurlaub in die
Karibik, als das Flugzeug in einen Hurrikan geriet.
Martin: "Ich dachte, dass meine Tochter mich nie kennen lernen
würde! Zu der Zeit war sie erst zwei Jahre alt."[32]
Alan: "Nach 20 Minuten oder so gab es einen lauten Knall und die
Sauerstoffmasken kamen runter. Alle hatten Panik, und die
Stewardessen umarmten sich ängstlich, was nicht dazu beitrug,
um sich besser zu fühlen. Ich versuchte, ruhig zu bleiben, und
Martin war wie einer dieser Untergangspropheten: Oh nein, wir
werden alle sterben! Der Pilot musste umdrehen und wir mussten
haarsträubende 20 Minuten überstehen, während das Flugzeug zurück nach
Dallas geflogen wurde.
Später wurde uns gesagt, dass dies wirklich ein schwerwiegender Zwischenfall
gewesen sei. Wir endeten darin, dass wir uns am Flughafen sinnlos betranken,
für viel Geld einen Privatjet mieteten und dann mit Kopfschmerzen in der Sonne
der Karibik aufwachten."[33]
In seiner Biographie zitiert Malins Alan noch weiter (keine Ahnung, woher er
das Zitat hat) und es heißt, Martin sei es gewesen, der den Privatjet gemietet
habe und er habe Alan eine Schlaftablette untergejubelt, weil der solche
Flugangst gehabt habe.
Dies wäre ein weiterer Widerspruch
zu der Aussage "die Beziehung, die nie funktioniert hat, war die mit Martin".
Auch Martins Aussage, dass Alan "definitiv für sich" gewesen sei, macht nicht
so wirklich viel Sinn. Denn offenbar war die Beziehung gut genug, um zusammen
in den Urlaub zu fahren und sich um den jeweils anderen zu kümmern.
Im Oktober erlitt David einen Kreislaufzusammenbruch:
"Gegen Ende des Konzerts schaffte ich es nicht mehr zur Zugabe. Mart musste einen
weiteren Song singen, während ich ins Krankenhaus gebracht wurde. Ich hatte
überdosiert, ich hatte einen Herzinfarkt. Am nächsten Tag dachten wir nicht mehr
daran."[34]
Es war jedoch mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein Kreislaufproblem
oder vielleicht Herzrhythmusstörungen, kein Infarkt.)
Im November wurde Martin wegen Ruhestörung verhaftet.
Sämtliche Beziehungen sollen zu Bruch gegangen und jeder entweder
stoned, besoffen, durchgedreht oder depressiv gewesen sein. Es heißt,
man habe über David hinter dessen Rücken nur noch in
Schimpfwörtern geredet haben.
Auf dem ersten Teil der Tour war ein Psychiater dabei.
Alan: "Wenn ich zurückschaue, scheint es unfassbar, dass wir dem Psychiater
4.000 Dollar die Woche gezahlt haben, damit er sich unsere Ausschweifungen
anhörte - etwas, was ich vorgeschlagen hatte, wenn ich mich recht entsinne. Die
Idee war, dass er die Leute unterstützen sollte, die das wollten - wenngleich
der eigentliche Grund natürlich war, Dave dazu zu bringen, von den Drogen
runterzukommen, weil wir nicht sicher waren, ob er bis zum Ende der Tour schaffen
würde. Ironischerweise ging wohl jeder mal zu dem Psychiater, nur Dave nicht."[35]
(mit freundlicher Genehmigung von © Heather Bee)
Die Band hielt an ihrer "Bunkermentalität" fest, ganz gleich, was über sie
berichtet wurde, und kam
dabei mitunter ein wenig ungeschickt rüber.
Martin: "In Deutschland schreiben sie im Moment diese Geschichten,
dass Dave AIDS habe oder er sterbe oder er sei schwer auf Droge,
und es ist so lustig, weil es uns nicht schadet, sondern wir mehr
Platten verkaufen", (lacht), "jeder, der das liest, muss denken:
Das klingt interessant, ich muss das kaufen!"[36]
Am 23.11. wurde das Video Devotional veröffentlicht, dem am
06.12. das Album Songs Of Faith And Devotion Live folgte.
Alan: "Die SOFAD live CD wurde in der gleichen Reihenfolge
zusammengestellt wie das Album, da die Plattenfirma gern beide unter einem
Hut haben wollte. Durch die identische Reihenfolge konnte man beiden die
gleiche Katalognummer geben und unter der gleichen Chartposition führen (bzw.
sie konnten sich bei den Verkäufen ergänzen). 101 war auch noch nicht
lange genug her, um ein ganz ähnliches Live-Album wie dieses herauszubringen.
Außerdem stellten wir ja noch ein Video zusammen, dass einen tieferen Einblick
in eine DM-Live-Show gab. Was die Wahl der Performances anbelangte, war es
meistens die beste Gesangsleistung, die den Ausschlag gab. Wir hatten Probleme
mit One Caress. Wir konnten keine wirkliche gute Aufnahme davon
finden, da die Gastmusiker erstaunlich schlecht spielten."[37]
Vom 12.12. bis zum 20.12. wurden noch fünf Konzerte in
Großbritannien gespielt.[36]
Direkt nach Weihnachten verbrachten Alan und Steve Lyon drei Wochen
damit, um den nächsten Tourabschnitt vorzubereiten, denn es war noch lange
kein Ende in Sicht.
So wurde etwa das Intro mit Higher Love gegen eine dynamische Version
von Rush ausgetauscht, die mit einer Techno-Frequenz begann. Auch
arbeitete Alan eine Art Trip-hop-Version von I Want You Now
aus: "Die anderen Bandmitglieder hörten diese Versionen dann erst auf der
Bühne."[38]
Quellenangaben:
[1] Devout Moded, Vox, Februar 1993. Text: Martin Townsend
[2] recoil.co.uk
[3] Songs of Praise and Emotion, Blue Divide, Volume 2, Issue 1, 2000. Autor unbekannt
[4] In the Mode for Love, Time Out, 04.04.2001. Text: Omer Ali
[5] recoil.co.uk
[6] It's Just Devotion, Press Magazine, 2nd March 1994. Text: Andrew Mast
[7] recoil.co.uk
[8] Devout Moded, Vox, Februar 1993. Text: Martin Townsend
[9] recoil.co.uk
[10] Mode Squad, Creem, April 1993. Text: Jeremy Helligar
[11] Devout Moded, Vox, Februar 1993. Text: Martin Townsend
[12] The Life and Loves of Depeche Mode, I-D, Oktober 1993. Text: Michael Fuchs-Gambock
[13] In the Mode, Details, April 1993. Text: William Shaw
[14] Ask Martin, Bong 18, April 1993
[15] The Life and Loves of Depeche Mode, I-D, Oktober 1993. Text: Michael Fuchs-Gambock
[16] Mode Squad, Creem, April 1993. Text: Jeremy Helligar
[17] In the Mode, Details, April 1993. Text: William Shaw
[18] Songs of Faith and Devotion EPK / Interview CD, 1993. EPK: The Videos 86-98+, MF042. Interview CD: VERBONG1
[19] Devout Moded, Vox, Februar 1993. Text: Martin Townsend
[20] In the Mode, Details, April 1993. Text: William Shaw
[21] Devout Moded, Vox, Februar 1993. Text: Martin Townsend
[22] In the Mode, Details, April 1993. Text: William Shaw
[23] recoil.co.uk
[24] Depeche Mode: A Short Film, EPKMUTEL5, The Singles 86>98 Box Set, PBXMUTEL5. Regisseur: Sven Harding
[25] recoil.co.uk
[26] Future Unknown, L.A. Daily News, 21.05.1994. Text: Mark Brown
[27] Penance Extra, NME, 18.09.1993. Text: Gavin Martin / Tattoo Unlimited, NME, 25.09.1993. Text: Gavin Martin
[28] recoil.co.uk
[29] They just can't get enough: One-time synthesiser sissies Depeche Mode are back on song, Mail Online, 3rd April, 2009. Text: Adrian Thrills
[30] recoil.co.uk
[31] Future Unknown, L.A. Daily News, 21.05.1994. Text: Mark Brown
[32] Flaunt, Mai 2001, Text: Tom Lonham
[33] recoil.co.uk
[34] They Just Couldn't get Enough, Q, März 1997. Text: Phil Sutcliffe
[35] Just Can't Get Enough, Uncut, Mai 2001. Text: Stephen Dalton
[36] The Life and Loves of Depeche Mode, I-D, Oktober 1993. Text: Michael Fuchs-Gambock
[37] recoil.co.uk
[38] Die Daten und Ereignisse auf der Tour wurden entnommen aus: Devotional Diary II, Bong 23, Dezember 1994. Text: Daryl Bamonte
[39] recoil.co.uk
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