1994
Übersicht: Die einzige Veröffentlichung in diesem Jahr war die Single In Your Room.
In Your Room war die letzte Singleauskopplung des Albums und
erschien am 10.01.
Martin: "Die schlimmste Erinnerung bei In Your Room ist das
Video dazu. Wir haben einen ganzen Tag im Studio verbracht, und ich aß
gerade mal ein halbes Sandwich. Wir waren um acht fertig und gingen
zurück ins Hotel, und ich vergaß zu essen. Wir gingen in die Bar,
und ich aß nichts ... Wir gingen in einen Club[1], wo wir einen Typen trafen,
der mir etwas Stoff gab, und ich war die ganze Nacht wach, so bis 9 oder 10
Uhr morgens. Um 12 hatten wir ein Bandmeeting, und ich schlief eine Stunde.
Dann musste ich aufstehen, und ich habe mich noch nie in meinem Leben so
schrecklich gefühlt. Ich stolperte zu dem Meeting, musste mich dort auf den
Boden legen und brachte nicht mehr als 'ja' oder 'nein' zustande.[2]
Und dann hatte ich eine Art epileptischen Anfall.
Wann immer ich also dieses Video sehe, denke ich Oh, Gott ... Es
bringt schreckliche Erinnerungen zurück.[3]"
Wie schon in dem Artikel von 1993 angedeutet, hatte Martin auf der Tour
mehrere solcher Anfälle sowie Panikattacken.
Das Video zu In Your Room wurde von MTV Amerika wegen seines
SM-Bezugs übrigens nicht ausgestrahlt, und Anton Corbijn schnitt
Auszüge aus älteren Videos hinein, weil er glaubte, es würde das
letzte Video mit David sein.
Alan: "Auf die eine oder andere Weise erreichten wir immer einen Konsens darüber, welche Songs auf die Liste der potentiellen Singles sollten. So war zum Beispiel Higher Love auf dieser Liste, aber wurde dann doch nie eine SOFAD Single, und es gab unterschiedliche Meinungen darüber, in welcher Reihenfolge die Singles erscheinen sollten. Dave war der Überzeugung, dass Condemnation die erste Single sein sollte, wurde aber überstimmt. Ich wollte Walking In My Shoes als zweite Single und bekam Recht, aber ich wollte wirklich die Originalversion von In Your Room [und nicht die Version, die dafür verwendet wurde]. Das ist ein gutes Beispiel für die Probleme einer Demokratie - einer wird immer enttäuscht sein."[4]
(In Your Room - mit freundlicher Genehmigung von © Wojciech Welc)
Am 09.02. erfolgte der nächste Tourabschnitt, diesmal "Exotic-Tour"
genannt. Bis zum 19.04. spielte die Band 28 Konzerte in Südafrika,
Australien, Asien sowie Mittel- und Südamerika.
Fletch: "Der Trip nach Südafrika ist uns immer noch in guter Erinnerung.
Wir hielten alle Proben in Kapstadt ab und waren sechs Wochen lang im Land."[5]
Im Februar wurde Alans Garderobe gestohlen.
"Da das Gebäude verschlossen und von Securityleuten überwacht wurde, kamen
wir zu dem Schluss, dass es sich um einen 'Insider Job' gehandelt haben muss.
Ich verlor Garderobe im Wert von £10.000, einige sehr persönliche Gegenstände
und natürlich meine Bühnenoutfits, die nachgemacht werden mussten."
Er selbst musste sich im gleichen Zeitraum operativ Nierensteine entfernen
lassen.
Man war sich wegen der zweiten USA-Tour, die nun noch drangehängt werden
sollte, uneins. Die Meinungen darüber gingen weit auseinander und brachten
eine zusätzliche Spannung hinein.
Zu denen, die eine Fortsetzung der Tournee befürworteten, gehörte auch
Alan: "Die zweite USA-Tour sollte in Stadien stattfinden und ein ganz
anderes Publikum anziehen als bei den Hallenkonzerten. Auch Dave wollte gern
einen weiteren Leg spielen und die anderen wehrten sich nicht wirklich
dagegen."
Zu der späteren hierzu widersprüchlichen Aussage, in der es ja mehr
oder weniger hieß, er habe keine Lust mehr auf Tourneen, sagte er: "Ich ging
nicht davon aus, dass dies das letzte Mal sein würde, dass ich auf Tour gehe,
denn ich beschloss erst 18 Monate später, die Band zu verlassen."[6]
Allerdings hatte er auch mal gesagt, er habe während der Aufnahmen
zu SOFAD angefangen, darüber nachzudenken, dass er die Band
verlassen wolle.
Angeblich sollen sich David und Alan bei Martin darüber beschwert haben, dass
sie Fletchs Depressionen nicht mehr ertrugen.
Martin: "Es war sehr schwierig. Andy ist mein engster Freund, seitdem
wir 12 waren, aber für die anderen war er unerträglich geworden. Ich redete
mir ein, dass es besser für Andy war, nach Hause
zu gehen und sich in ärztliche Behandlung zu begeben."
Doch Fletch wollte auch nach Hause, hatte genug von der Tour.
So wurde im März entschieden, dass Fletch aussteigen und für den Rest
der Tour auf der Bühne durch den langjährigen Freund und Begleiter der Band,
Daryl Bamonte, ersetzt werden sollte.
Fletch: "Die Pflichten, die Fristen, die Partys und Exzesse - ich
konnte einfach nicht mehr. Ich litt unter zwanghaftem Fehlverhalten.
Den Stress verdrängte ich, indem ich mir Krankheiten einbildete.
Ich dachte wirklich, ich hätte einen Gehirntumor. Ich konnte weder
schlafen noch denken, litt permanent unter Kopfschmerzen. Dann
ließ ich Tests machen, und es stellte sich heraus, dass ich einen
Nervenzusammenbruch erlitten hatte."[7]
Angeblich soll Fletch die Tour mit den Worten verlassen haben, er würde nie
wieder mit Alan auf Tournee gehen. Entweder ist das auf seine Krankheit
zurückzuführen - dass er Alan einfach als besonders anstrengend empfand -
oder es gab (auch) hier einen Vorfall, der in keinem Interview und in keiner
Biographie erwähnt wurde.
Alans spätere Andeutung "Es gibt Dinge, die besser im Dunkeln bleiben"
in Bezug auf Malins' Biographie, die er spöttisch als "recht unterhaltsam"
bezeichnete, könnte ein Hinweis darauf sein.
(Übrigens - auch, wenn viele Fans das glauben - Malins' Biographie ist NICHT
authorisiert, und ich bezweifle sogar, dass er, abgesehen von Alan (der sich
teilweise falsch zitiert fühlte), mit irgendeinem Bandmitglied gesprochen
hat, denn sonst würden sich in seinem Werk Zitate finden, die nicht aus anderen
Quellen stammen. Dies soll keine Kritik sein. Malins hat ein gutes und in weiten
Teilen korrektes Buch geschrieben, und er selbst hat nie behauptet, es sei
authorisiert, er erwähnte nur E-Mails und Faxe im Vorwort, was den Eindruck
einer Mitarbeit der Band erweckt. Nach meinen eigenen Erfahrungen kann ich
erahnen, wie schwierig seine Arbeit war, und dafür hat er einen guten Job
gemacht.)
Die anderen bemühten sich weiterhin darum, so zu tun, als wäre alles
in Ordnung. So antwortete David auf die Frage, wie
es der Band ginge, mit "Sehr gut." Erst nach einigem Nachhaken erklärte er:
"Andy wird den Rest der Tour nicht mehr mit uns spielen. Er ist im Moment in
New York. Es geht ihm nicht gut, und seine Frau erwartet ihr zweites Kind,
und er muss einiges auf die Reihe kriegen, daher wird er es nicht machen.[8]
Es ist wohl nicht gut für ihn, zu lange von den Menschen getrennt zu sein,
mit denen er eigentlich zusammen sein will."[9]
(Fletchs und Grainnes Sohn Joseph wurde am 22.06. geboren.)
Alan: "Während alle anderen am Strand in der Sonne lagen und eine
wohlverdiente Pause genossen, verbrachten Daryl und ich eine Woche in einem
Hotelzimmer, wo ich ihm seine Parts beibrachte. Er spielte sie für den Rest
der Tour perfekt - ziemlich gut, wenn man bedenkt, dass er zuvor kaum jemals
Keyboard gespielt hatte."[10]
(Was man durchaus als kleine Spitze in Richtung Fletch verstehen könnte ...)

So startete am 12.05 der letzte Teil der Tour mit dem Konzert in
Sacramento - ohne Fletch. Insgesamt wurden noch mal 34 Konzerte gespielt.
Die Beziehungen wurden offenbar immer schlechter, Meetings sollen in
Handgemengen geendet haben (wenngleich die genauen Gründe dafür nie wirklich
benannt wurden),
Gerüchten zufolge soll David einen Journalisten
völlig stoned in den Hals gebissen haben. Es gab separate
Limousinen, separate Hotelstockwerke.
Martin: "Das war auch notwendig, denn die Partys wurden immer
wilder[11]", - wie die in Berlin, die mit einer Polizeirazzia und einen
Bann vom Intercontinental endete, der bis heute besteht. - "Wir haben
es übertrieben. Aber es ist schwierig auf unserem Level, sich nur
auf ein paar Konzerte zu beschränken. ... Ich denke, die 30 oder
40 Extrakonzerte haben das Fass zum Überlaufen gebracht." (lacht)
Fletch: "Die Partys erreichten einen neuen Level. Es wurde schlimmer
und schlimmer und schlimmer, bis es am Ende eine einzige riesige
Party war. Jede Nacht. Martin sagt, er ist auf der ganzen Tour nur
einmal früh ins Bett gegangen."
Martin: "So gegen Mitternacht. Man kommt nicht vor halb 11, 11 von der
Bühne, und wenn man es schafft, um 12 im Bett zu sein, hat man echt was erreicht."[12]
Alan: "Was man über die Tour gehört hat, ist alles wahr. Jeder war mit seinem eigenen Kram beschäftigt, manchmal mit destruktiven Ergebnissen, aber das ist alles Teil dessen, wie man persönlich mit einer so bizarren und unwirklichen Welt umgeht. Natürlich waren alle wegen Daves Gesundheitszustand besorgt, aber man kann Abhängige nicht dazu bringen, etwas zu ändern, solange sie es nicht selbst ändern wollen. Zu dieser Zeit war Dave dazu nicht bereit und daher stieß jeder, der ihm einen Rat gab, auf taube Ohren. Neben all diesen Dingen gab es aber auch viele gute Momente. Es war die erfolgreichste Tour mit einigen der besten Shows, die wir je gespielt haben. Ich persönlich kann das Theater deswegen nicht verstehen - ich hatte eine großartige Zeit. Die Mythen, die sich um den zweiten USA-Leg herum aufgebaut haben, scheinen völlig außer Kontrolle geraten zu sein. Es war nicht mehr Rock'n'Roll als jede andere DM-Tour - jeder hatte seine eigene kleine Tour-Welt, die neben einer absolut professionell organisierten Live-Show existierte."[13]
Es scheint, dass David trotz allem eine Menge Spaß hatte: "Wir entdeckten,
dass wir dieses Mal viel mehr Freude daran hatten, zusammen zu spielen als jemals
zuvor. Wir zogen alles etwas mehr zusammen und beschlossen, auf der Bühne nicht
mehr so separiert voneinander zu sein. Wir wollten etwas von der Theatralik
loswerden und die Shows nicht mehr so abspulen. Ich denke, im Moment haben wir
eine Menge Spaß. Ich denke, wir haben gerade mehr Spaß auf der Bühne als wir
jemals hatten. Alles ist jetzt viel organischer und energischer."[14]
Ich denke nicht, dass das eine bloße Phrase war. Ich denke, Devotional hatte
einfach zwei Gesichter - die Ausschweifungen und das Leiden auf der eine Seite,
die großartige und professionelle Show auf der anderen Seite, die die
Bandmitglieder (und die Fans) wirklich genossen.
(IF - Is simplicity best or simply the easiest ... Mit freundlicher Genehmigung von © Laura Bâlc)
Im Laufe der Zeit litt Davids Erscheinungsbild jedoch immer mehr unter dem
Drogenkonsum und bot ein Bild des Jammers, wenn er
zugedröhnt und bis auf die Knochen abgemagert mehr über die Bühne
torkelte als tanzte. Dennoch muss man sagen - vor allem, wenn man sich Bootlegs
aus dieser Zeit anhört - dass die Konzerte phantastisch waren. Einige Leute
sagen, dass auch Davids Stimme unter dem Drogenkonsum litt, aber ich kann
dem nicht zu 100% zustimmen. Das Set der Exotic Tour war sehr energisch,
dynamisch und bot viele sehr gute Liveversionen, in deren Klangbild sich
Davids Stimme durchaus einfügte, sich nur ab und an etwas angestrengt oder
flach anhörte.
Am 08.07.1994 hatte der Irrsinn ein Ende. (Zumindest was die Tour
betraf.) Ob David von der Bühne fiel oder Stagediving betreiben
wollte, ist unklar, jedenfalls stürzte er während der Zugabe auf
das Absperrgitter, brach sich zwei Rippen und erlitt innere Blutungen. Er war
so betrunken und stoned, dass es 24 Stunden dauerte, bis er wusste, was ihm
da passiert war. Er sollte ein paar Tage im Krankenhaus bleiben, was er aber
nicht wollte. Stattdessen mieteten er und Theresa eine kleine Hütte am Lake
Tahoe in Kalifornien.
Erstaunlich ist, dass dies exakt beim letzten geplanten Konzert passierte,
sodass deswegen kein Gig abgesagt werden musste.
Es ist unbekannt, ob der Rest der Band überhaupt wirklich mitbekam, was mit
David passiert war. Sie amüsierten sich mit einigen Letztes-Konzert-
Scherzen -
Alan: "Jez Webb - der Gitarrentechniker - tauchte zu meinem Erstaunen
während Somebody aus meinem Klavier auf. Ein anderes Highlight war,
als jemand während eines dramatischen Moments als Putzmann verkleidet auf
der Bühne erschien und den Boden zu wischen begann." -
und sie hatten "die Ende-der-Tour-Party in der St. Andrew's Halle in Detroit,
die alles beinhaltete, was typische Depeche-Mode-Partys im Laufe der Zeit
als Standard angesammelt hatten (spärlich bekleidete Mädchen, erotische
Tänzer(innen), Martin als Frau verkleidet ...)."[15][16]
Über die Gründe, warum es überhaupt zu diesem extremen Dauerexzess (und
vor allem zu den anscheinend massiven Streitereien) kommen konnte,
findet man bei den Bandmitgliedern nur wenig überzeugende Aussagen. Von
"dass man es eben übertrieben hatte und dann nicht mehr aufhören konnte"
oder "eine Rockband ist eben kein Kirchenchor" ist da die Rede.
Viele Fans sehen es ebenfalls als einen "normalen Teil des Musikbusiness'" an
oder meinen, dass es auch zum "Zeitgeist gehört" habe. "Da wurde es richtig
schick für manche, sich völlig wegzubeamen. Dazu die Grunge-Ära, absoluter
Nihilismus war hip." Man muss tatsächlich sagen, dass Grunge nicht Schmerz,
Leid, Drogen und halb tot sein bedeutete. Es bedeutete auch nicht, dass man
für seine Kunst starb. Wenn diese Bands eine Bühne betraten, dann hatten sie
nur eins im Sinn: Spaß. Vielleicht eine sehr egoistische und zerstörerische
Form von Spaß, aber Spaß.
Die meisten Fans sehen jedoch im Erfolg den Grund, warum die Band den Boden
unter den Füßen verlor, dass man nach dem enormen Erfolg von Violator
(vielleicht auch schon nach 101) nicht
so recht gewusst hatte, wohin man das Schiff jetzt steuern sollte.
Nun gehört aber noch einiges mehr dazu, um den Boden unter den Füßen zu
verlieren, auch für einen Rockmusiker, also einen Menschen mit einem extremen
Beruf, außergewöhnlichem Lebensrhythmus und der steten Verlockung durch
Alkohol und Drogen ausgesetzt. Doch gerade David zeigt heute, dass man mit
entsprechender Disziplin sehr wohl diesem Beruf nachgehen kann, ohne
deswegen ein Alkoholiker oder Junkie sein zu müssen. Und die "Jungs" waren
zur Devotional auch nicht mehr Anfang 20, sondern Familienväter um die 30,
also einigermaßen "reif und erwachsen".
So wäre "ich habe eben mitgemacht, weil alle es gemacht haben",
eine ziemlich billige Ausrede. Nicht nur David wollte "dieses egoistische
Leben führen", die anderen wollten es genauso, sonst hätte sich wenigstens
einer davon distanziert. Ich denke, Fletch hat es zumindest versucht,
wenngleich es ihm durch seine Krankheit sehr schwer fiel. Bleiben die
beiden übrig, die an sich alle Sinne beisammen hatten: Alan und Martin.
Welche "Ausrede" haben die beiden eigentlich?
Alan sagt über die Devotional erstaunlicherweise,
er habe seinen Spaß gehabt. Obwohl er gar nicht so aussah. Auf Bildern und
Videos wirkte er häufig verbissen und "angepisst" und auch Martin sagte später
über ihn, er habe das Gefühl gehabt, Alan sei nicht glücklich gewesen. Was denn
nun? Fand er es nun schrecklich oder hatte er seinen Spaß? Wie auch immer -
einige Fans vermuten private Probleme hinter der "Explosion", eine
"nahe an den 30 Krise", "kein Rückhalt in den Familien oder durch echte
Freunde",
die etwas Vernunft hätten hineinbringen können, "kein Zusammenhalt innerhalb
der Band", "mangelhafte Kommunikation" - oder wie es ein Fan auf den Punkt
brachte: "Sie hatten vielleicht gehofft, ihre persönlichen Probleme auf der Tour
verdrängen zu können, aber es lief 'Wrong'."
(Try walking in my shoes - mit freundlicher Genehmigung von © Alatryste - Alatryste on Facebook) )
Martin (auf die Frage, wie lange es gebraucht habe, bis er nach der
Devotional-Tour in den normalen Alltag zurückgefunden habe): "Ich
habe nicht sehr lange gebraucht. Ich habe ein paar schlechte
Gewohnheiten auf dieser Tour entwickelt. Ich habe jeden Tag
Schlaftabletten genommen, und als ich nach Hause kam, hatte ich
noch ein paar übrig, die mir ein paar Tage guten Schlaf gaben ...
Schlaf ist ein Schlüssel zum Glück." (lacht) "Danach hatte ich keine
Tabletten mehr, und ich war wieder normal."[17]
David: "Gar nicht. Ich habe nur mit Drogen funktioniert, ohne sie
konnte ich mich nicht mal bewegen. Ich kam von der Tour zurück, und
ich habe keine Musik gespielt, hab nicht mehr gesungen, sondern
war voll auf Droge."[18]
Fletch: "Ich war emotional so belastet nach der Tour - und deshalb
habe ich auch den Rest der Tour nicht mehr mitgemacht. Ich denke, wir haben
uns alle zu sehr unter Druck gesetzt und alle darunter auf
verschiedene Art gelitten."[19]
Und auf die Frage, ob sie untereinander in Kontakt geblieben seien:
Martin: "Weil Dave nach Amerika zurückging, haben wir ihn nicht
viel gesehen und wir telefonierten auch nicht viel. Vielleicht
nicht so viel, wie wir tun hätten sollen. Wir sprachen auch nicht
mit Alan, obwohl er in London war, was sehr seltsam war. Wir
waren darauf vorbereitet, dass er gehen würde. Wir haben das schon
Monate zuvor gespürt. Andy und ich sehen uns dauernd, weil wir die
gleichen Freunde haben, und wenn ich in London bin, treffe ich Andy
dauernd."[20]
David: "Nicht wirklich. Aber niemand ist dafür zu beschuldigen.
Das einzige Mal, dass ich mal was von jemandem hörte, war, als ich
mich selbst verletzte und das in die Presse kam. Dann rief mich
Martin an oder ich ihn. Ich bekam einen Anruf von Alan, als er
beschloss, dass er gehen wollte, aber ich habe darauf nicht
wirklich reagiert, weil ich nur mit Drogen beschäftigt war."[21]

Während Martin im August Suzanne heiratete, trennte Alan sich von
seiner Frau Jeri und fuhr gemeinsam mit seiner neuen Partnerin Hepzibah
Anfang September
in die Ferien und wäre beinahe ums Leben gekommen.
Alan: "Ich war in Schottland auf der A85 in der Nähe von
Lochearnhead. Als ich in eine scharfe Kurve bog, hörte ich das
Geräusch eines RAF Tornados hinter mir und als ich aufsah, sah ich
die Unterseite eines Flugzeugs, ganz dicht über mir. In der nächsten
Sekunde krachte das Flugzeug zu Boden. Ich fuhr in ein Feld, und
ich hörte eine enorme Explosion. Rauch und Trümmerteile hüllten
mich ein. Zugleich regnete es Carbonteile in mein Cabrio. Ich
konnte sehen, dass die Straße mit Wrackteilen und Teilen der Körper
der beiden Piloten übersät war. ... Nachdem die Polizei eingetroffen
war, beschloss ich, zu gehen, weil es nichts mehr zu tun gab. Erst
da wurde mir klar, was ich gesehen hatte und dass ich knapp dem Tod
entgangen war. Wenn ich nur 10 Sekunden schneller gewesen wäre ..."[22]
Später fügte er hinzu, dass er deswegen immer noch Alpträume habe.
"Am meisten getroffen hat mich, dass auf eine solche Tragödie die
Banalität des normalen Lebens folgte. Da lagen diese beiden
toten Piloten auf der Straße, in Stücke gerissen, und die Sonne
schien, die Vögel sangen, und es gab keine Musik ..."[23]
Er schrieb den Song Black Box, der 2000
auf dem Album Liquid
veröffentlicht wurde, über dieses Thema.
In der Zwischenzeit verlor David mehr und mehr die Kontrolle über sein Leben:
"Nach der Devotional verbrachte ich ein paar Monate in London, und da glitt
mir alles aus den Händen. Theresa wollte ein Baby, und ich sagte zu
ihr: Theresa, wir sind Junkies. Wenn man ein Junkie ist, kann man
nicht sch*****, nicht p*****, nicht kommen. Diese ganzen
Körperfunktionen funktionieren nicht mehr. Man befindet sich in
einem seelenlosen Körper. Aber sie hat das nicht verstanden. ... Und
in L.A. - ich war so paranoid, ich hatte immer eine 38er dabei. Ich
hatte vor allem und jedem Angst. Ich dachte, sie würden kommen und
mich holen. Wer auch immer sie waren. Da fing ich an, mit der Idee
zu spielen, mir den goldenen zu setzen. Mich direkt in den Himmel
zu schießen. Verschwinden. Aufhören. Ich wollte aufhören, ich
selbst zu sein, ich wollte aufhören, in diesem Körper zu leben.
Ich hasste mich selbst so sehr für das, was ich mir selbst und
allen anderen um mich herum antat."
Schließlich unterband seine Ex-Frau Joanne die Besuche des gemeinsamen
Sohnes.
David: "Wenn er kam, um mich zu besuchen, war ich in der Lage, für
eine Weile mit dem Fixen aufzuhören und mich zusammen zu nehmen.
Aber es kam zu einem Punkt, an dem ich so krank war, dass ich meine
Mum in England anrief und sagte: Mum, Jack kommt in ein paar Tagen
zu mir, und ich habe eine schreckliche Grippe. Ich schaffe das
nicht allein, kannst du herkommen? Sie kam, und ich bemühte mich -
am Morgen aufstehen, ihm sein Frühstück machen, versuchte, Vater
zu sein."
Er setzte sich eines Nachts dann aber doch einen Schuss und dosierte über.
Als er aufwachte, waren seine Mutter und sein Sohn in der Küche - und
sein Stoff war weg.
"Ich fragte: Was hast du mit meinem Stoff gemacht, Mum? Sie
sagte: Ich habe ihn in den Müll geworfen. Ich rannte raus und
holte sechs Müllsäcke rein. Kannst du dir diesen Irrsinn
vorstellen? Ich mit meinem Sohn und meiner Mum - und ich brachte
sechs Müllsäcke rein, fünf davon gehörten meinen Nachbarn, und ich
kippte sie auf dem Küchenfußboden aus, kroch auf Händen und Knien
herum, bis ich gefunden hatte, was ich brauchte."
Nun konnte er es nicht mehr länger verleugnen. Seine Mutter rief Joanne an,
die daraufhin kam und Jack abholte. Um Weihnachten herum ging er
zum ersten Mal in eine Entzugsklinik.
"Als ich rauskam,
traf ich Theresa. Wir gingen Mittagessen, und sie sagte: Ich
werde nicht aufhören, zu trinken oder Drogen zu nehmen, nur,
weil du das tust. Ich werde tun, was ich will. Da wusste ich,
unsere Beziehung musste zu Ende sein, wenn ich eine Chance haben
wollte. Ich dachte, wir würden uns lieben. Jetzt denke ich, dass
die Liebe sehr einseitig war. Sie verließ mich bald darauf, um ihr Leben auf
die Reihe zu bekommen, wie sie sagte.
Sie sagte immer: Es hängt alles von dir ab, Dave - du musst dich
nur selbst lieben. Nun, ... jetzt hat sie mich auf eine
lächerliche Summe Geld verklagt, behauptet, ich wäre für ihr
Leben verantwortlich."[24]
Er fiel schon bald in alte Gewohnheiten zurück. "Ich hatte die perfekte
Entschuldigung, auszugehen und noch schlimmer zu werden. Meine Frau hatte mich
verlassen, Freunde verschwanden, und ich blieb mit einem Haufen
Junkies zurück. Ich wusste genau, was passierte. Ich hatte das
Geld, ich hatte die Drogen, und deshalb waren sie da. Ich wusste
es, und das hat mich noch wütender gemacht. Ich wusste
nicht, ob ich clean werden wollte. Es war aber klar, dass die Party bald
vorbei sein würde. Entweder ich würde sterben oder clean werden."[25]
Quellenangaben:
[1] The Singles 86-98 by Martin Gore, Bong 37, September 1998. Zusammengestellt von Michaela Olexova
[2] Just Can't Get Enough, Uncut, Mai 2001. Text: Stephen Dalton
[3] The Singles 86-98 by Martin Gore, Bong 37, September 1998. Zusammengestellt von Michaela Olexova
[4] recoil.co.uk
[5] Masters Of Their Universe, The Times, 3rd May, 2009, unbekannter Autor
[6] recoil.co.uk
[7] They Just Couldn't get Enough, Q, März 1997. Text: Phil Sutcliffe
[8] Modern Rock Live, May 10, 1994, Radiosendung, DJ: Tom Calderone
[9] Future Unknown, L.A. Daily News, 21.05.1994. Text: Mark Brown
[10] recoil.co.uk
[11] Just Can't Get Enough, Uncut, Mai 2001. Text: Stephen Dalton
[12] Synth and Sensibilities, NME, 25.01.1997. Text: Keith Cameron
[13] recoil.co.uk
[14] Modern Rock Live, May 10, 1994, Radiosendung, DJ: Tom Calderone
[15] recoil.co.uk
[16] Einige Daten und Informationen über Ereignisse auf der Tour wurden entnommen aus: Devotional Diary III, Bong 24, März 1995. Text: Daryl Bamonte
[17] Catching up with ... Martin, Bong 30, Dezember 1996
[18] Catching up with ... Dave, Bong 30, Dezember 1996
[19] Catching up with ... Fletch, Bong 30, Dezember 1996
[20] Catching up with ... Martin, Bong 30, Dezember 1996
[21] Catching up with ... Dave, Bong 30, Deczmber 1996
[22] Near Miss, Bong 22, September 1994. Text: Alan Wilder
[23] Just Can't Get Enough, Uncut, Mai 2001. Text: Stephen Dalton
[24] Tears of my Tracks, Q, März 1997. Text: Phil Sutcliffe
[25] Dead Man Talking, NME, 18th Januar 1997. Text: Keith Cameron
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