2009, 2010 und 2011
Übersicht: Veröffentlichungen in diesen Jahren waren die
Single Wrong / Oh Well, das Album Sounds Of The Universe
sowie die weiteren Singleauskopplungen Peace und Fragile Tension /
Hole To Feed 2009, sowie das
Recoil-Best-Of Selected und die DVD Touring The Universe 2010.
2010 erlangte Mute seinen Independent-Status zurück, aber DM verblieb
zunächst bei der EMI.
2011 lief dieser Kontrakt mit der Veröffentlichung von Remixes 2: 81-11 aus.
Nachdem die neue Single schon am 21.02. beim Echo in Berlin
präsentiert worden war, erschien Wrong / Oh Well am 06.04.
schließlich auch offiziell. Schon zu einem frühen Zeitpunkt hatte die Band
beschlossen, Wrong als erste Single auszukoppeln, da der Song so ganz
anders war als alles, was sie bis dahin veröffentlicht hatten. Auch stach er
aus den anderen auf dem Album hervor.
Fletch: "Wrong war der Song, von dem wir dachten, dass er den
größten Eindruck machen würde. Wir dachten, es wäre gut, mit einem großen Knall
zurückzukommen. Die erste Single muss die Zuhörer herausfordern, sie aufhorchen
lassen."
Den gleichen Anspruch stellten sie an das Video. "Normalerweise macht Anton
Corbijn unsere Videos, und wir hatten auch einen Vorschlag von Anton. Es gab aber auch
Vorschläge von vier anderen Leuten. Einer davon stammte von Patrick Daughters. Und
Patricks Idee hatte nicht so viel mit der Band zu tun, in Antons Konzept
war die Band sehr viel mehr eingebunden. Weißt du, MTV spielt heute keine so
große Rolle mehr. Also entschieden wir uns schließlich für Patricks Idee,
weil wir fanden, dass sie den größten Eindruck auf die Zuschauer machen würde.
Außerdem mögen wir es nicht mehr so gern, Videos zu machen, somit war das eine
gute Sache."[1]
Mit Oh Well wurde der erste Track veröffentlicht, den Martin und Dave
gemeinsam geschrieben hatten.
Martin: "Es war nicht direkt eine Kooperation. Ich hatte den Song
zunächst als Instrumentalstück geschrieben. Als Dave ihn hörte, nahm er ihn
mit in sein Hotelzimmer und schrieb einen Text und eine Leadmelodie dazu. Es
ist also nicht so, dass wir in einem Zimmer gesessen und gemeinsam daran
gearbeitet hätten."[2]
(Fragile Tension - mit freundlicher Genehmigung von © Lynn (M)factr)
Leider schwirrten lange vor der Veröffentlichung einige Demos
durchs Internet und schließlich auch das gesamte fertige Album. Die Band nahm
es so, wie die Dinge eben sind und tröstete sich damit, dass es
die Fans es sowieso kaufen würden. Nur die Demos ärgerten sie etwas,
da es ihnen so vorkam, als würde man jemandem ein unfertiges Bild zeigen.
Am 20.04. folgte das Album Sounds Of The Universe, kurz:
SOTU, für das sie ein Jahr später den Preis in der Kategorie
"Beste Internationale Band Rock/Pop" bei den Echo Awards gewannen.
Natürlich bemühten sie sich darum, das Album zu erklären, sagten Dinge wie,
dass sie wollten, es sollte so klingen, als führe man nachts mit einem Auto
in einen Tunnel. Dennoch war das Album weit weniger "düster" als etwa
Playing The Angel, und so versuchten sie erneut, auf den Humor in ihren
Texten hinzuweisen.
Martin: "Es gab immer schon viel Humor auf unseren Platten, aber auf
dieser gibt es wesentlich mehr. Das meiste ist schwarzer Humor, aber dieses
Mal ist er manchmal etwas offensichtlicher. In dem Song Little Soul gibt es diesen
kleinen musikalischen Bruch, und jedes Mal, wenn ich den höre, lache ich.
Ich hoffe, die Hörer machen das auch, wenn sie es hören.[3]
Nun, ich denke, dass Jezebel ein guter Name für einen
exotischen Drink wäre. Ich stelle mir vor, dass es wie ein stark
riechendes Parfüm schmecken würde. Es muss ein Parfüm geben, das
Jezebel heißt."
Fletch: "Du kannst kein Parfüm trinken!"
Martin: "Doch, aber sie nehmen es dir weg, wenn man in die Reha
geht."
Fletch: "Es wäre gut für Gothic-Mädchen, oder?"
Martin: "Frauen sind heute anders; sie mögen zum Beispiel T-Shirts
mit Wörtern wie Schlampe und Hure darauf.
Ich bin sicher, dass eine Flasche Jezebel gut dazu passen würde."[4]
Während Martin Footprint in Little Soul umbenannte und sich Sorgen
darüber machte, dass Miles Away ein Songtitel von Madonna war und wollte,
dass Dave dessen Song in Miles Away/The Truth Is umbenannte, machte er
sich über Jezebel weniger Gedanken. Natürlich ist es in erster Linie
eine biblische Figur, aber dennoch heißt so auch ein Song auf Alans Album
Liquid.
Im Rahmen der SOTU-Box wurden auch einige alte Demos veröffentlicht.
Fletch: "Es war meine Idee, die Demos auf dem Box-Set zu veröffentlichen.
Ich dachte, dass die Leute, das Box-Set mehr wertschätzen würden, wenn es einige
Besonderheiten enthielte. Martin machte es nichts aus. Er fand die Idee gut.
Das Hauptproblem dabei war, die Demos zu finden. Logischerweise gab es nur
fünf Leute, die dafür in Frage kamen: Alan, Daniel (Miller),
Dave, Martin und ich. Es stellte sich heraus, dass Alan einige hatte, sie
aber nicht sofort finden konnte. Das gleiche galt für Daniel, Martin und
Dave. Ich wusste, ich hatte etliche Demos, aber ich musste sie erst
hervorkramen. Am Ende hatte ich so etwa hundert Demosongs - was bedeutet,
da sind noch hunderte, die wir nicht mehr haben. So zum Beispiel das Demo zu
Personal Jesus, das wie vom Erdboden verschluckt zu sein scheint."[5]
In diesem Zusammenhang versprach er, dass in Zukunft noch mehr Demos
veröffentlicht würden.
(Miles Away / The Truth Is - mit freundlicher Genehmigung von © Maria Gay)
Nun bereiteten sie sich auf die Tournee vor. Es wurde hierbei nie in
Frage gestellt, das Album nicht zu touren, zumal insbesondere für Dave ein
Album erst wirklich dann Sinn ergibt, wenn es auf eine Bühne gebracht wird.
Und natürlich ist ihnen klar, dass man ein Album heutzutage hauptsächlich
durch eine Tournee verkauft.
Martin: "Für eine so genannte elektronische Band sind wir viel getourt,
und wir haben bewiesen, dass elektronische Musik in einem großen Live-Format
funktioniert. Auf eine gewisse Weise setzen wir jetzt eine Marke wie beim
Rosebowl Konzert. Wir werden unsere erste Stadion-Tour spielen. Es gibt keine
andere elektronische Band, die jemals eine Stadion-Tour gespielt hat."[6]
Fletch: "Die Setliste für die Tour zusammenzustellen, ist immer ein
Alptraum. Wir sind eine Demokratie, also ist es wie beim Eurovision Song
Contest. Wir müssen über unsere Lieblingssongs abstimmen."
Dave: "Wir werden einige alte Sachen spielen und natürlich auch neue.
Und wir werden Spaß daran haben, Songs wie Just Can't Get Enough zu
spielen. Wir können die nicht ignorieren. Das wäre so, als würden die Stones
nicht (I Can't Get No) Satisfaction spielen."[7]
Nun, sie spielten nicht Just Can't Get Enough und verursachten eine Menge
Diskussionen in verschiedenen Foren über die Frage, ob sie nicht vielleicht
schon längst viel zu sehr Rolling Stones sind. Tatsächlich haben DM noch nie
so viele verschiedene Songs auf einer Tour gespielt wie auf dieser. Allerdings
zeigten sie sich alles andere als kreativ, was die Liveversionen anbelangt.
Martin: "Wenn wir spielen und man schaut in die erste Reihe, dann sieht
man da viele jüngere Leute, genauso wie älteres Publikum, Leute, die kommen,
um die neue Platte zu hören, genauso wie die Songs, die vor 20 Jahren aufgenommen
wurden. An sich sind wir die am wenigsten dafür geeigneten Leute, um die
Sache objektiv zu sehen, aber wir sind wirklich darauf bedacht, uns nicht zu
wiederholen. An dem Tag, an dem wir Musik machen und nicht das Gefühl haben,
damit etwas erreichen zu können - oder wenn es keinen Spaß mehr macht -
werden wir aufhören."[8]
Dennoch fragten einige Journalisten wie üblich danach, ob dies wohl das
letzte Album und die letzte Tour sei
(genau, wie sie es schon bei Playing The Angel gefragt hatten).
Martin: "Wir sind seit 29 Jahren zusammen, und wir hatten Höhen und
Tiefen, aber ich denke, würde Depeche Mode morgen aufhören, würden wir mit
einer positiven Note enden."
Fletch: "Es ist schwierig, über unser Abschiedskonzert nachzudenken,
und darüber, wo es stattfinden sollte."
Martin: "Es müssten schon die Pyramiden sein."
Am 06.05. begann die Tour Of The Universe (kurz: TOTU)
mit einem Warm-Up in Esch-sur-Alzette
in Luxemburg. Das erste richtige Konzert fand in Tel Aviv statt.
Martin: "Wir werden unsere Tour in Tel Aviv beginnen. Wir wollten an
sich unsere letzte dort beenden, aber unglücklicherweise kam der
Israel/Libanon-Konflikt dazwischen."
Fletch: "Sie haben andere Prioritäten. Sie mögen Musik, aber Bomben
sind noch wichtiger."
Martin: "Ja, wir mussten die Entscheidung treffen, nicht dorthin zu
fliegen und das Konzert zu spielen, weil es dort Angriffe gab. Daher haben
wir gesagt, dass wir dieses Mal in Tel Aviv anfangen."[9]
Es scheint, dass Tel Avis und DM keine glückliche Konstellation sind, denn
mit diesem Konzert begannen die Probleme.
Fletch: "Gleich beim ersten Konzert in Israel bekam ich die erste
schlechte Nachricht: mein Vater war gestorben."[10]
Das Konzert in Athen musste abgesagt werden, weil Dave mit einer heftigen
Magen-Darm-Geschichte ins Krankenhaus eingeliefert werden musste.
Als weitere Untersuchungen angestellt wurden, wurde ein Blasentumor entdeckt,
was zu vielen Konzertabsagen führte.
Fletch: "Dave hatte echt Glück, weil er diese Magen-Darm-Sache hatte
und sie darüber diesen Tumor sehr früh fanden.[11] Natürlich, wenn man daran
denkt, wenn die Tumorprognose anders ausgefallen wäre ..., aber man kann keine
bessere Prognose bekommen. Er wurde sehr früh erkannt und hatte einen niedrigen
Grad. Es war nur eine Frage, ihn schnell zu entfernen. Ich sagte
neulich zu Dave: 'Ich kann es nicht abwarten, bis deine Autobiographie
erscheint.' In seinem Leben ist schon so viel passiert ...[12] Dave hat
wirklich eine kämpferische Natur. Was auch immer passiert, er kämpft sich
da durch.[13]"
All dies kam aber erst sehr viel später heraus. Daher beklagten sich viele
Fans bitterlich über die extrem schlechte Nachrichtenpolitik,
bei der in Tat taktiert und hingehalten wurde - angeblich "weil man ja selbst
nicht genau Bescheid gewusst habe, wie es nun weitergehe." Nun ja, wenn später
jedoch herauskommt, dass Dave zu einem Zeitpunkt operiert wurde, zu dem im
Fanlager noch spekuliert wurde, ob das Konzert in Polen stattfinden würde (was
aber wegen der Operation ganz sicher nicht stattfinden konnte), dann ist das
schon ein bisschen seltsam. Auch direkt nach der Operation - als ebenfalls
definitiv kein Konzert stattfinden konnte - tat man noch so, als wäre es
unter Umständen möglich.
Erst am 08.06. wurde die Tour in Leipzig neu gestartet. Es folgten 18
Konzerte in Europa bis zum 09.07., ehe erneut ein Konzert abgesagt
werden musste, weil Dave sich am Bein verletzte.
Zwischendrin wurde am 15.06. die Single Peace
veröffentlicht.
Am 24.07. startete in Toronto der amerikanische Teil der Tour.
Insgesamt wurden bis zum 05.09. 22 Konzerte gespielt.
Im August
mussten allerdings erneut Konzerte abgesagt werden. Wieder war Dave der
"Schuldige", diesmal waren Stimmprobleme der Grund.
Vom 01.10. bis zum 17.10. wurden neun Konzerte in
Mittel- und Südamerika gespielt, ehe am 31.10. der zweite europäische
Teil folgte. Dieser endete nach 27 Konzerten am 18.12.
Zwischendrin wurde am 07.12. mit Fragile Tension / Hole To
Feed eine weitere Single ausgekoppelt.
(mit freundlicher Genehmigung von © Jérôme Pouille)
Der letzte Teil der Tour - ebenfalls ein europäischer - startete am 09.01.
in Berlin, umfasste 24 Konzerte und endete am 27.02. in Düsseldorf. Bei
diesem Teil gab es endlich mal keinerlei Zwischenfälle.
Hierbei stach das Konzert am 17.02. ganz besonders heraus.
Zum ersten Mal in ihrer Karriere gaben DM ein Benefiz-Konzert (etwas, von
dem sie immer gesagt hatten, sie würden es nie tun).
Martin: "Wir spielen heute ein Benefiz-Konzert. Etwas, was wir noch nie
gemacht haben und etwas, was wir wohl schon längst mal hätten machen sollen.
Ein Freund von uns engagiert sich im Teenage Cancer Trust und fragte uns, ob
wir daran teilnehmen würden."
Alles an diesem Konzert war besonders. Es wurde in der Royal Albert Hall in
London gespielt (erstaunlich, wenn man gerade Daves Abneigung gegen britische
Statussymbole bedenkt), und es gab einen speziellen Gast.
Martin: "Wir fragten Alan, ob er mit uns auftreten würde. Es ist lange
her, dass wir ihn gesehen haben. Ich denke, es ist neun Jahre her, dass ich ihn
zuletzt gesehen habe, und wir fragten ihn, ob er einen Song mit uns spielen
würde, und er sagte zu."[14]
Alan: "Nun, ich bekam einen Anruf von Dave und er sagte einfach, sie
wollten mich zu diesem Event einladen, für den Teenage Cancer Trust. Und
meine Reaktion war, dass ich hoffte, es wäre die ganze Band, die das wollte, und
nicht bloß Dave. Also fragte ich ihn das, und er sagte: doch, definitiv. Und so
dachte ich nicht zweimal darüber nach, weil es eine tolle Sache ist, aus so vielen
Gründen, wegen des guten Zwecks und mal wieder zusammen zu kommen nach
so langer Zeit."
Also begleitete Alan Martin zu Somebody am Klavier.
Alan: "Somebody auszuwählen, war beinahe natürlich. Es war
der Song, der am meisten Sinn machte. Denn wir hatten kaum Zeit, um etwas zu
proben. Zum Glück war es alles noch da. Der Song ist immer noch in meinen
Händen."
Anscheinend hatten sowohl die Band als auch Alan viel Freude an dem
Auftritt.
Alan: "Die Reaktion des Publikums war ... speziell, herzerwärmend,
emotional, ich hatte schon etwas Gänsehaut. Es war ein großartiger Tag. Es war
nicht nur der Moment auf der Bühne, es war auch, Martin und Fletch und Dave
wiederzusehen. Wir haben uns gut unterhalten, und es war schön, sie alle
wiederzusehen. Ich habe Martin und Fletch schon lange nicht mehr gesehen,
es war interessant, sie wiederzutreffen. Und Martin war wirklich in guter
Form, nicht nur stimmlich, ganz generell. Er war konzentrierter,
fokussierter und offener als ich ihn je erlebt habe. Es ist schon ein Stück
Geschichte für uns. Wieder auf der Bühne mit Depeche zu sein seit ... 1994
... seit dem Ende der Songs Of Faith And Devotion Tour ... so seit 16
Jahren."
Ein paar Tage später hatte er die Möglichkeit, zum ersten Mal in seinem Leben
ein DM-Konzert als Zuschauer anzusehen. (Etwas, was er niemals hatte tun
wollen.)
Alan: "In der Royal Albert Hall hatte ich nicht die Zeit und die
Möglichkeit, mir die Show richtig anzusehen. Aber heute Abend habe ich einen
Eindruck bekommen, wie es ist, auf einem Depeche Mode Konzert zu sein. Es
war sehr interessant. Ich hatte Gefühle für all die Songs, da ich sie so gut kenne
... so ... ich meine, wenn man die Versionen hört, die sie jetzt spielen, und
man denkt an die Versionen, die wir mal spielten ... Ich denke, einige der
Versionen waren ganz gut, andere haben mir nicht so gefallen. Auch das
Bühnenset - einiges sah toll aus, anderes funktionierte für mich nicht. Die
Soundaussteuerung war leider ziemlich schlecht, aber das kann man der Band
so nicht ankreiden.
Ihre eigene Leistung war beeindruckend. Dave war in guter Form, und Martins
Song Home war besonders gut. Die After Show Party war lustig, und ich
traf alle möglichen Leute, die ich ewig nicht mehr gesehen hatte. Allerdings
vermisste ich Dave, der sofort nach dem Auftritt verschwand.[15]" Sie sprachen
über "was man sich eben so gewöhnlicher Weise unterhält - Familien, was sie
heute so machen, ihre Gewohnheiten, ob sie immer noch so viel trinken, die
Party-Situation auf der Tour ... Ich meine, die Dinge haben sich bei Depeche
Mode ziemlich verändert, seitdem ich nicht mehr in der Band bin. Martin trinkt
nicht mehr, Dave geht nach jeder Show sofort ins Hotel und geht nicht mehr
aus. Früher hatten wir immer große Partys nach jedem Konzert. Heute sind
die Dinge ziemlich anders. Auch in ihren Privatleben hat sich viel verändert,
denke ich. Ich war ziemlich beeindruckt von Martin, denn er ist jetzt seit
vier Jahren trocken und er ist wie eine neue Person. Ich hätte ihn fast
nicht wiedererkannt."[16]
Anlass für einige Umfragen, ob Alan im Gedächtnis der Fans immer noch so
stark verankert ist, wie es scheint. Die Umfrage in einem Forum ergab, dass ihn
69 Prozent als Bandmitglied zurück wollen und 20 Prozent zumindest als
Produzent. Auch die Fanbefragung auf dieser Webseite ergab ein ähnliches Bild.
Für immerhin 71 Prozent gehört er "immer noch irgendwie zur Band" (zumindest
als Legende), für 21 Prozent ist er sogar noch heute ein Teil der Band, weil er ihre
klassischen Songs maßgeblich mitbeeinflusste und am absoluten
Karrierehöhepunkt beteiligt war. Für die Minderheit ist er hingegen "die nervigste
Diskussion, wenn es um DM geht."
Da der Auftritt in der RAH zeitlich sehr dicht mit der Promotion für seine eigene
"Tournee" zusammenfiel, konnte man schon auf einen Gedanken kommen, wie
ihn ein Fan hatte: "Es ist bezeichnend, dass es gerade Alan ist, der die
Geschichte DMs für sein eigenes Projekt benutzt."
(mit freundlicher Genehmigung von © Paola Gravina Red)
Alan hatte seit der Promotion für SubHuman eine nicht ganz
so gute Zeit. Es gab einige Änderungen ins einem Privatleben.
"Ich habe mich von meiner
Frau getrennt und habe jetzt eine wundervolle neue Partnerin, Britt. Es waren
zwei schwierige Jahre.[17] Ich teile mir jetzt das Sorgerecht für meine Kinder
und muss immer sechs Monate im Voraus planen, wer sie wann hat usw., sodass
die Musik nur in die Zeit dazwischen passt.[18] Und das machte das Arbeiten
an einem neuen Album nahezu unmöglich, obwohl ich angefangen hatte, an neuem
Material zu arbeiten. Aber es wird noch eine Weile dauern, ehe es auch nur
annähernd vollendet sein wird.[19]"
Stattdessen startete er am 12.03. seine Selected-Tour.
Der erste Teil beinhaltete 24 Auftritte, die meisten davon in Europa, und
endete am 18.05.. Die Idee, mit Recoil zu touren entstand, als Alan
sich dazu entschied, erneut einige Promotion-Termine wahrzunehmen. Er
hatte aber keine Lust, wieder nur einfach irgendwo zu erscheinen, um CDs zu
signieren und Hände zu schütteln. "Ich konnte nicht immer wieder das Gleiche
machen - ich brauchte etwas Neues. Von diesem Punkt an begann sich die Idee
zu entwickeln."[20] Somit entschied er sich schließlich für eine Art
Audio-Visual-Präsentation, eine Mischung aus DJing und Live-Auftritt,
untermalt von speziellen Filmen.
Am 19.04. erschien Selected, eine Art Best Of Recoil.
Alan: "Mute Records sprach mich wegen einer Compilation an, und es
sollte zunächst nur so eine Art 'Best Of' sein. Aber als wir anfingen, darüber
zu diskutieren, es in verschiedenen Formaten zu veröffentlichen und es live
aufzuführen, wurde das Projekt größer und größer. Ich musste mich entscheiden,
welche meine Lieblingstracks sind und welche am besten zusammenpassen.
Ich wollte dieses Mischmasch vermeiden, das die meisten Compilations sind.
Also fing ich an, alte Mastertapes durchzugehen und die besten Versionen
herauszusuchen und bereitete auch einige für die Digitalisierung auf. Das
Verrückte dabei war, dass ich einige dieser alten Tapeversionen besser
fand als die Digitalversionen. Daher hoffe ich, dass die Songs auf der
Compilation besser klingen als die Versionen auf den Originalalben!"[21]
Nichtsdestotrotz war die meist gestellt Frage natürlich, ob er zu DM
zurückkehren würde. Alan war es ziemlich bald Leid. Es fing mit einem
freundlichen "Ich bezweifle, dass man mich in naher Zukunft in einer
Depeche-Mode-Verbindung erleben wird. Sie haben mich auch nicht gefragt, ob
ich ihr Produzent werden will. Das wäre schon verrückt"[22], ging weiter mit
"Nun, wir haben nicht darüber diskutiert, also gibt es auch keine Pläne.
Aber man weißt ja nie"[23], hin zu "Das ist einfach bloß langweilig. Es ist
die Frage, die am häufigsten gestellt wird"[24] und endete darin, dass er
genervt schwieg, als die Frage erneut vorgebracht wurde.
Der zweite Teil der "Tour" begann am 16.10. Dieses Mal konzentrierte
Alan sich mehr auf Nord- und Südamerika, aber es gab auch noch
einige Veranstaltungen in Europa. Die "Tour" endete am 04.12.
in Budapest.
Die Reunion-Gerüchte erhielten neue Nahrung, als Martin bei dem Recoil-Event
am 24.10. in Santa Ana als DJ auflegte und Dave bei dem Event am
01.11. in New York als Gast erschien.
Alan (und auch Vince) waren außerdem an Remixes 2: 81-11 beteiligt, das
am 6. Juni 2011 veröffentlicht wurde.
Martin: "Gegen Ende der letzten Tour fragte ich Alan, ob er beim Konzert
in der Londoner Royal Albert Hall auf die Bühne kommen würde, und er sagte zu."
(Das sind ja interessante neue Töne, denn bisher hieß es immer, Dave habe Alan
angerufen und ihn danach gefragt ...) "Dann kam er auf Tour in den USA. Es
erschien nur natürlich, ihn zu fragen", ob er sich an dem Remix-Album
beteiligen würde. "Bei Vince war es so, dass ich vor neun Monaten aus dem
Nichts eine E-Mail bekam, 'Ich denke darüber nach, ein Techno-Album zu machen.
Hast du Interesse, dich daran zu beteiligen?'. Dieses Projekt ist jetzt beendet,
aber wir müssen es noch abmischen. Es lag nahe, auch ihn zu fragen, ob
er einen Remix anfertigen würde."[25]
So steuerte Vince einen Remix von Behind The Wheel und Alan einen
von In Chains zu dem Album bei: "Es war der Depeche Mode-Manager
Jonathan Kessler, der dies vorschlug. Es war schon lange vorher schon mal von
den Typen bei Mute vorgeschlagen worden, die das Remix-Album organisierten.
Sie fragten mich, ob ich Interesse hätte, und ich sagte, dass dies möglich
wäre." (Hm, hat Martin nicht gerade gesagt, er hätte Alan gefragt? :D
Nun ja, vielleicht war es ja Martins Wunsch, aber er schickte dann lieber Dave
telefonieren und Kessler fragen ... ;)) "Sie fragten dann aber nie wieder.
Ich dachte: okay, das wird dann wohl
auch nicht mehr passieren. Es störte mich nicht weiter, und als ich dann mit
Jonathan über etwas anderes sprach - ich denke, es ging um Martins Auftritt
als DJ bei einer der Recoil-Events - wurde die Idee erneut vorgebracht.
Dann dauerte es aber noch mal zwei Wochen, und das war gerade kurz bevor wir
wieder auf Tour gingen. Ich wünschte, sie hätten mir mehr Zeit gegeben. Wir
hatten schon Urlaub in Südfrankreich gebucht, und so verbrachte ich den
gesamten Urlaub in einem Zimmer eingesperrt, an diesem Remix arbeitend,
anstatt in der Sonne Wein zu trinken. Jonathan sagte mir, dass die Band es
bevorzugen würde, wenn ich einen Song remixen würde, den sie nach meiner
Zeit in der Band aufgenommen hatten, und ich dachte, es wäre eine gute
Herausforderung, das zu machen. Ich hoffe, sie mögen ihn, sie sagten, es
sei so. Martin schien ihn wirklich zu mögen, was nett von ihm war. Ich denke,
die anderen mögen ihn auch; keine Ahnung, was Fletch davon hält - er hat gar
nichts gesagt. Ich denke, es ist eine dynamischere Version von dem,
was sie hatten."[26]
Leider liefen die Dinge für Alan in dieser Zeit nicht so wirklich gut.
"In diesen Zeiten geht es einigen Leuten finanziell nicht so rosig, und eine
Scheidung plus fehlende finanzielle Mittel für Plattenaufnahmen bedeuten,
dass ich den Gürtel etwas enger schnallen muss.[27] Das Plattengeschäft ist
ja schon länger in der Krise.[28]" Dies brachte sogar die geplante
DVD-Veröffentlichung (von Selected) in Gefahr. "Wir filmten die letzte
europäische Show, die 2010 in Budapest stattfand, und sind gerade dabei,
alles zu editieren. Ich persönlich denke, dass es toll aussieht, aber wir
haben noch eine Menge Arbeit vor uns. Es scheint leider nicht so, als sei
meine Plattenfirma sonderlich an einer Veröffentlichung interessiert. Bisher
ist daher alles komplett selbst finanziert worden, und ich werde einen Weg
finden, um die DVD zu veröffentlichen."[29]
Schließlich beschloss er, Teile seiner großen DM-Kollektion zu verkaufen.
Die Auktion fand am 03. September 2011 in Manchester statt, und war für
die Fans eine bittersüße Angelegenheit. Außerdem spielte Alan auch einige
Selected-Gigs in diesem Jahr.
Wir werden sehen, was die Zukunft bringen wird ...
(Thank you very much! See you next time! - mit freundlicher Genehmigung von © Ingo B.)
Quellenangaben:
[1] Interview Depeche Mode - Sounds Of The Universe, 2009, fnac (Videointerview)
[2] "Depeche Mode Interviewed: Universal Truths And Sounds", The Quietus, 20.04.2009. Text: John Doran
[3] Videointerview 2009 FG5
[4] Songs of faith and commotion, The Guardian, 21 March 2009. Text: Peter Robinson
[5] Sideline, 16.04.2009. Text: Bernard Van Isacker
[6] Depeche Mode in Mature Mode, Los Angeles Times, 28th March, 2009. Text: Chris Lee
[7] They just can't get enough: One-time synthesiser sissies Depeche Mode are back on song, Mail Online, 3rd April, 2009. Text: Adrian Thrills
[8] Depeche Mode in Mature Mode, Los Angeles Times, 28th March, 2009. Text: Chris Lee
[9] Songs of faith and commotion, The Guardian, 21 March 2009. Text: Peter Robinson
[10] "Pop Quiz: Andy Fletcher of Depeche Mode", sfgate.com, 09.08.2009. Text: Aidin Vaziri
[11] "Six Questions for ... Depeche Mode", Washington Post, 28.07.2009. Text: David Malitz
[12] "Pop Quiz: Andy Fletcher of Depeche Mode", sfgate.com, 09.08.2009. Text: Aidin Vaziri
[13] "Interview: Depeche Mode’s Andrew Fletcher", bohemian.com, 04.08.2009. Text: David Sason
[14] Ein Videointerview beim RAH-Konzert
[15] Interview With Alan Wilder, 20.02.2010, dmdotcom
[16] "Recoil in Bucharest - Interview with Alan Wilder", depechemode.ro, 2010. Text: Otiliei Haraga
[17] "Recoil / Alan Wilder - February 2010", Reflectionsofdarkness.com, 05.03.2010. Text: Janos Janurik
[18] "Recoil / Alan Wilder - I'm not naive", Sideline, 31.03.2010. Autor unbekannt
[19] "Recoil / Alan Wilder - February 2010", Reflectionsofdarkness.com, 05.03.2010. Text: Janos Janurik
[20] "Recoil / Alan Wilder - I'm not naive", Sideline, 31.03.2010. Autor unbekannt
[21] "Alan Wilder: A Selected Interview", stevenwilsonbeales.com, 14.04.2010. Text: Steven Wilson-Beales
[22] "Recoil / Alan Wilder - February 2010", Reflectionsofdarkness.com, 05.03.2010. Text: Janos Janurik
[23] "Alan Wilder: A Selected Interview", stevenwilsonbeales.com, 14.04.2010. Text: Steven Wilson-Beales
[24] "Recoil / Alan Wilder - I'm not naive", Sideline, 31.03.2010. Autor unbekannt
[25] Q&A: Martin Gore of Depeche Mode, Vanityfair, 07.06.2011. Words: Marc Spitz
[26] ALAN WILDER - collected thoughts, Releasemagazine, 19.08.2011, words: Fredrik "Schlatta" Svensson
[27] Recoil / Alan Wilder, Reflections Of Darkness, 01.09.2011, Words: János Janurik
[28] Alan Wilder (ex-Depeche Mode/Recoil) talks on synths, music creation and his upcoming auction, Aug. 2011, Steelberry Clones, Stereoklang.se, words: unknown
[29] Recoil / Alan Wilder, Reflections Of Darkness, 01.09.2011, Words: János Janurik
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