1988
Übersicht: Veröffentlichungen in diesem Jahr waren Hydrology, ein weiteres Recoil-Projekt, die Single Little 15 / Stjarna / Sonata No.14 (Moonlightsonata) und die Videokollektion Strange.
Der dritte Teil der Masses-Tour begann am 09.01., beinhaltete 11
Konzerte in Großbritannien und endete am 24.01..
Direkt danach, am 25.01. erschien Hydrology, ein weiteres
Recoil-Werk, das auch die beiden ersten Stücke 1 + 2 beinhaltete.
Alan: "Hydrology ging einen Schritt weiter als 1+2.
Es wurde auf einer Fostex-Maschine mit 16 Kanälen abgemischt. Somit gab es
Grenzen, aber es war sehr viel vielfältiger als bei 1+2.
Recoil war zu diesem Zeitpunkt wirklich noch ein Nebenprojekt,
ohne Druck oder Erwartungen. Es war eine Art Gegenpol zu Depeche
Mode, meine Art, den 'Frust' zu bekämpfen, immer im Popformat
arbeiten zu müssen. Ich meine, ich habe nichts gegen das Popformat,
aber wenn ich schon selbst etwas machte, dann sollte es nichts sein,
was ich schon innerhalb der Gruppe machte. Es sollte total anders
und experimentell sein. Es störte mich nicht, dass es für die Leute
zu schräg war.[1]
Obwohl sich 1+2 und Hydrology heute für mich naiv anhören,
sagen sie immer noch viel über die Idee zu Recoil aus und darüber, wie
die Musik konstruiert ist. Wenn man es aus dieser Perspektive betrachtet,
sind sie immer noch interessant.
Das Cover wurde von Martyn Atkins gestaltet, und er war es auch, der die
Bilder auswählte, seine Interpretation der Musik eben. Ich fand, dass sie
gut dazu passten."[2]
Während ich auf Anfragen bezüglich einer Erlaubnis zum Einfügen von
Ausschnitten aus Depeche-Mode-Songs nie eine Antwort erhalten habe,
erlaubte Alan mir dies in Bezug auf Recoil-Songs.
Dies ist ein Ausschnitt aus Grain:
(mit freundlicher Genehmigung von © Recoil / Alan Wilder)
Vom 06.02. bis zum 13.03. erfolgte der zweite europäische Teil
der Masses-Tour mit 25 Konzerten. In diese Zeitspanne fiel auch das legendäre
Konzert in Ostberlin, das am 07.03. in der Werner-Seelbinder-Halle
stattfand. Zwar hatten DM
schon zuvor in den Ostblockstaaten gespielt, vor allem in Ungarn, das am
meisten verwestlichste Land, doch der Eingang zur DDR blieb
lange verwehrt.
Fletch: "Wir wollten seit einer Ewigkeit in Ost-Berlin spielen, aber
es wurde uns nie erlaubt. Und eines Tages hieß es:
Es klappt! Ihr dürft nach Ost-Berlin. Wir wussten, dass wir unheimlich
viele Fans in Ostdeutschland hatten: aus Briefen, von Westberliner Freunden,
aus der Presse. Man erzählte uns, dass wir da größer als die Beatles seien.
Später hörten wir, dass sie uns als Hauptattraktion bei der Feier zum
Geburtstag ihrer Jugendorganisation präsentierten, um bei der Jugend zu
punkten.
Wir erfuhren, dass normale Fans kaum Chancen auf Karten hatten.
Von heute aus betrachtet, hätten wir das Konzert besser
nicht gegeben. Wir haben uns da wohl für die Partei einspannen lassen.
Es war trotzdem ein großartiger Gig - aber auch eine seltsame Sache.
Die Fans sammelten sich überall in der Umgebung - kamen aber nicht
mal in die Nähe der Halle. Echt frustrierend.
Wir wussten vorher nichts über unsere DDR-Fans, und nachher leider auch
nicht."[3]

Der fünfte und letzte Teil der Tour begann am 18.04. in Tokio, umfasste
vier Konzerte in Japan und 31 in den USA. Bei diesem Teil wurden die Band und
ihre Crew von dem Filmemacher Pennebaker begleitet, der sie und einen Gruppe
Jugendlicher auf diesem "Roadtrip" filmte.
Der Film zeigt vor allem den Beginn des Erfolgs von DM in den USA.
Alan: "Die Band war auch vorher schon beständig in Amerika
aufgetreten und hatte dagegen angekämpft, dass wir nicht im Radio gespielt
wurden, bis sich die Dinge plötzlich entwickelten. Das war natürlich eine
wichtige und aufregende Zeit und für eine Weile konzentrierten wir uns auf
dieses Territorium."
Nur in L.A. hatten die Dinge ein wenig anders gelegen.
"DM hat eine große Fanbasis in L.A. und Umgebung, was wohl vor allem an
KROQ-Radio liegt. Schon seit 1986 oder so hatte die Band sich dieser Gegend
gewidmet, aber Richard Blade und Co waren für viele Jahre eine große
Unterstützung für uns."[4]
Fletch: "Niemand glaubte, dass eine alternative Band vor so vielen
Leuten spielen könnte. Aber wir setzten Maßstäbe für viele Bands, die nach
und kamen. Wir eroberten die Welt."[5]
David: "Als der Film rauskam, waren wir plötzlich eine 'Stadionband',
die wir eigentlich gar nicht waren - wir hatten nur in einem Stadion gespielt
- aber die Sichtweise änderte sich. Wir begannen, größer zu werden, als ich
es mir jemals hätte vorstellen können."[6]
Davids Drogenprobleme begannen bereits während dieser Tour
massiver zu werden. Sein bevorzugter Stoff zu dieser Zeit war Kokain.
Die anderen Bandmitglieder bemerkten dies sehr wohl, unternahmen jedoch
nichts dagegen. Dies spricht dafür, dass ihnen selbst Drogen ebenfalls nicht unbekannt
gewesen sein dürften, ansonsten wäre sie schon da alarmiert gewesen.
Zu dieser Zeit lernte David auch Theresa (seine zukünftige zweite
Frau) kennen, was schwerwiegende Folgen haben sollte.
Zwar traten auch Jo und das Baby in Tourfilm 101 auf, man sparte
jedoch Gerüchten zufolge aus, dass die Dinge nicht so glatt
liefen, wie es aussah. Auch die Spannungen innerhalb der Band,
die sogar in eine Schlägerei zwischen Fletch und Alan gemündet
haben sollen, ließ man lieber weg.
Zwischen den Zeilen hörte sich das so an:
David: "Nun, wenn man von der Bühne kommt, ist die Anspannung
sehr hoch, man ist in einem emotionalen Hoch, aber man kann auch
aneinander geraten. Einige Mitglieder der Band geraten deswegen
in Streit, vielleicht, weil jemand was nicht richtig gespielt hat.
Und es ist so extrem, man ist so aufgedreht und kommt dann von der
Bühne und irgendjemand kriegt das in den falschen Hals. Da gab es
schon oft Streit - wirklich - das wurde dann abgebrochen, und wir
mussten zurück auf die Bühne, um eine Zugabe zu geben. Ich denke,
man kann im Film spüren, dass da eine wirkliche Spannung in der Band
ist, auch, wenn wir nicht aneinander geraten, aber dann gibt es
andere Zeiten, wenn ..."[7]
Auf meine Nachfrage, ob es denn nun tatsächlich zu so einer
Auseinandersetzung gekommen sei, erklärte Alan: "Es gab nach
einem Konzert einen Streit bezüglich Fletchs Kommentare über
Daves Performance während der Show - bei denen ich den Eindruck
hatte, sie spiegelten eher seinen eigenen Beitrag wider."[8]
(Stjarna - with friendly permission of © Karen - °°k°°)
Zwischendrin erschien am 16.05. die Single Little 15 / Stjarna /
Sonata No.14 (Moonlightsonata). Allerdings wurde diese Singleauskopplung
nicht in allen Ländern veröffentlicht.
Sonata No.14 ist ein Stück von Ludwig van Beethoven, eine
ungewöhnliche Wahl für eine Popband. Es war Martin, der die Idee hatte, das
Stück als B-Seite zu veröffentlichen, und es war Alan, der es am Klavier
interpretierte.
Über Little 15 heißt es auf Alans Webseite, dass der Song nie
"als Single vorgesehen war - tatsächlich war man sich anfangs nicht mal darüber
einig, ob man ihn überhaupt aufnehmen sollte. Schließlich wurde - von Daniel
Miller vorgeschlagen - ein Versuch unternommen, daraus eine einfache Ballade
zu schaffen, die auf einem Nymanesken Streicharrangement basiert. Es war
dann die französische Plattenfirma, die der Meinung war, dass dieser Song
perfekt zu ihrem Markt passen würde, weshalb man sich dazu entschloss, die
Single auch nur in diesem Bereich zu veröffentlichen."[9]

Im Laufe der Zeit beantwortete Alan viele Fragen über sein Tourleben
mit DM. Seine Antworten ergeben zusammengenommen einen recht guten
Einblick darin, wer was wie entschied oder für was zuständig war.
Zur Zeit der Masses-Tour hatte DM bereits "eine Crew von gut hundert Leuten,
die sich um alles kümmerten", was auf einer solchen Tour benötigt wurde. Aber
die Grundplanung machten sie immer noch selbst mit "unserem Management.
Unter Bezugnahme all dieser Stimmen und Meinungen haben wir die Länder und
Städte ausgesucht,
in denen wir spielen wollten. Sobald es einmal einen Grundplan gab, wurde
die genaue Route optimiert, was sich an Reisezeiten, Verfügbarkeiten der
Konzerthallen / Stadien, den lokalen Veranstaltern, Veröffentlichungsdaten der
LPs, logistischen Überlegungen usw. orientierte."
Für die Backing-Tapes benutzten sie "zwei identische Maschinen, die synchron
liefen, wobei eine nur als Backup diente, für den Fall, dass die andere ausfallen
sollte. Die Maschinen wurden von Wob Roberts, dem Keyboardtechniker, am
Beginn des Sets gestartet und nur vor den Zugaben gestoppt und neu gestartet."
Alan war hauptsächlich für die Umgestaltung der Songs zuständig, sodass sie
als Live-Version gespielt werden konnten. "Es gibt viele verschiedene
Möglichkeiten der Umgestaltung, die sich an der Art des Songs orientieren und
daran, an welcher Stelle im Set er gespielt werden soll. Grundsätzlich sollten
Live-Versionen mehr Dynamik, längere tanzbare Flächen und ein großartiges
Ende erhalten!"
Für gewöhnlich erarbeitete er "acht verschiedene Tapes - für vier verschiedene
Setlisten (rot, grün, blau und gelb, denke ich), die dann in zwei Hälften
geteilt werden, unterbrochen durch einen Acoustic-Song irgendwo in der Mitte -
was einen Tape-Wechsel erlaubt. Zusammen mit einigen Alternativen für Martins
Acoustic-Parts hatten wir so die Möglichkeit, verschiedene Setlisten zu spielen,
wenngleich sie alle eine ähnliche Struktur hatten. Zum Beispiel konnte eine
kurze Absprache vor dem Konzert darin enden, dass man sagte 'Lass uns das
blaue / rote Set spielen, mit Somebody statt I Want You Now
in der Mitte.' Auch die Tapes für die Zugaben konnten ausgetauscht werden,
falls es notwendig war."
Auch begannen sie damit, ihr Erscheinungsbild auf der Bühne zu verändern,
fingen an, Gitarren und andere Instrumente einzusetzen, da sie "dachten, dass
es für die Dynamik der Show besser ist, wenn Martin und ich mich auch mal
vom Keyboard wegbewegten. Als DMs Popularität stieg, wurde es auch aufgrund
der Musik und der Show an sich notwendig, mehr Elemente hinzu zufügen, weil
es in einem riesigen Stadion einfach lächerlich ausgesehen hätte, wenn da nur
vier Typen auf kleinen Synthesizern herumgespielt hätten."
Etwa 50% der Musik wurde live gespielt, während der Rest vorher aufgenommen
wurde. "Unser Grundsatz war es, so viel live zu spielen, wie wir eben konnten
(ohne viele Gastmusiker mit hinzuziehen zu müssen). Ich persönlich kann nicht
auf der Bühne stehen und nichts tun. Ich würde mich unwohl fühlen, daher gab
ich mir immer viele Parts zum Livespielen. Ich mochte die Herausforderung, dass
ich mir viele Dinge merken musste. Es gab keine speziellen Regeln dafür",
wer welche Parts zu übernehmen hatte. "Es war einfach eine Frage der Logistik.
Ich verteilte die Sounds in geeigneter Weise auf die beiden Keyboards [Martins
und meins]."
Es war auch recht einfach zu bestimmen, wer auf der Bühne welche Position
einnehmen sollte. "Da er recht klein und eine bizarre Erscheinung war, sah
Martin immer am besten in der Mitte aus. Ich wählte immer die Position, die am
nächsten zum Monitor war, um mit dem Soundingenieur kommunizieren zu
können."
Von dort wurden auch einige "Proben und die ersten paar Shows einer Tour
aufgenommen. Diese dienten dazu, um die Performance zu kontrollieren."
Vorbands hatten es nicht gerade leicht, wenn sie mit DM auftreten sollten.
"Daniel versuchte immer, Mute Bands dazu zu überreden, aber wir wählten
meistens jemanden, der eben passend erschien. Wie immer hatte jeder eine
unterschiedliche Meinung darüber. Ich muss zugeben, dass ich mich
dafür nicht als so geeignet hielt, weshalb zumeist Martin oder Dave hier das
letzte Wort hatten."
Einer der Vorband auf der Masses-Tour war Nitzer Ebb. Auf dieser Zeit basieren
die Verbindungen und die späteren gemeinsamen Projekte, vor allem zwischen
Alan und Douglas McCarthy.[10]
(mit freundlicher Genehmigung von © Anja - compositionofsound)
Die Tour endete am 18.06. mit dem legendären 101. Konzert in der
Rosebowl von Pasadena. Es war ein großer Erfolg und wurde von den
Bandmitgliedern einhellig als größter Moment
ihrer Karriere bezeichnet (wenn auch nicht als ihr bestes Konzert).
Alan: "Die Rosebowl-Performance war wegen Monitorproblemen nicht
gerade eine unserer besten, aber durch sie wurden wir in Europa wieder ernster
genommen, wo niemand an unsere Popularität in den Staaten geglaubt hatte."[11]
Fletch: "Es war der Wendepunkt für uns in den USA und in der alternativen
Musik."[12]
David: "Wenn der Vorhang aufgeht, und du siehst diese Massen an
Leuten, die abgehen, das ist ..., weißt du, sehr bewegend. Zum Ende des
Konzerts hin wurde es so emotional, dass ich Probleme hatte, zu singen.
Das klingt vielleicht ein bisschen kitschig - aber es war wirklich so. Als
ich später hinter die Bühne ging, war ich wirklich traurig, weil es alles
vorbei war."[13]
Alle Bandmitglieder würden Rosebowl lange Zeit als ihren absoluten Höhepunkt
und als beste Erinnerung nennen. Es war anscheinend recht schwierig für sie,
sich von diesem Punkt wegzubewegen. Besonders Davis geriet in Schwierigkeiten,
hatte das Gefühlt, dass danach nicht mehr viel kommen konnte.
Am 12.07. erschien Strange, eine Videokollektion, die vor allem
von Anton Corbijn gedrehte Videos beinhaltete und das damalige Image der Band
prägten.
Und für den Rest des Jahres nahm man sich endlich einmal frei.
Quellenangaben:
[1] Unsound Recordings, Sound On Sound, Januar 1998. Text: Bill Bruce
[2] www.recoil.co.uk
[3] FR Online.de 01.11.2009. Text: Nadja Erb / Steven Geyer
[4] www.recoil.co.uk
[5] Just Can't Get Enough, Uncut, Mai 2001. Text: Stephen Dalton
[6] Many Smack-Free Returns! Q, Juni 2001. Text: Dorian Lynskey
[7] In Movie Mode, "TV-AM", ITV, Februar 1989
[8] Depechemodebiographie.de
[9] www.recoil.co.uk
[10] www.recoil.co.uk
[11] www.recoil.co.uk
[12] Masters Of Their Universe, The Times, 3rd May 2009, Autor unbekannt
[13] In Movie Mode, "TV-AM", ITV, Februar 1989
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